Der Schatten des 15. März 1938

Auch 80 Jahre danach bleibt der Wiener Heldenplatz untrennbar mit der Hitler-Rede vom 15. März 1938 verbunden. Heute ist er ein Symbol sowohl für die NS-Propaganda vom jubelnden Volk als auch für die Mitverantwortung an Verbrechen, schreibt die Historikerin Heidemarie Uhl in einem Gastbeitrag.

4. November 1988, Premiere des Stücks „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard im Burgtheater. Der dritte und letzte Akt des Auftragswerks zum Gedenkjahr 1938/88 spielt im Speisesaal der Wohnung von Professor Schuster, nahe dem Heldenplatz. Die Familie trifft sich im März 1988 zum Leichenschmaus. Der Professor hat sich das Leben genommen, kurz vor der geplanten Übersiedlung nach Oxford, wo er mit seiner Frau während der NS-Zeit Zuflucht gefunden hatte. Seiner Frau zuliebe will er nach England zurückkehren, denn seit einigen Jahren hört sie „das Schreien vom Heldenplatz den ganzen Tag fortwährend“. Das Stück endet mit dem nur für Frau Schuster hörbaren, minutenlangen „Massengeschrei vom Heldenplatz“, das „bis an die Grenze des Erträglichen anschwillt“.

Wolfgang Gasser als „Dr. Schuster“ mit Elisabeth Rath (r.) und Kirsten Dene (l.) in Thomas Bernhards „Heldenplatz“ am 3. November 1988 im Wiener Burgtheater

APA - Robert Jäger

Wolfgang Gasser als Professor Schuster mit Elisabeth Rath (r.) und Kirsten Dene (l.) in Thomas Bernhards „Heldenplatz“ am 3. November 1988 im Wiener Burgtheater

Thomas Bernhard musste weder „Hitler“ noch „1938“ im Titel erwähnen, denn der Heldenplatz ist bis heute von einem einzigen Ereignis besetzt. Die Hitler-Rede vom Altan der Neuen Burg bei der „Befreiungskundgebung“ (so die Nazi-Diktion) vom 15. Mai 1938 liegt wie ein Schatten über der nach wie vor „zentralen Bühne der Republik“ (Peter Stachel). Bis heute wird die Wahrnehmung des Platzes von der Massenhysterie der geschätzten 250.000 Menschen, die dem „Führer“ zujubelten, geprägt, festgehalten in einem audiovisuellen Gedächtnisort der Schande.

Portrait von Heidemarie Uhl

APA, Robert Jäger

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Die Bild- und Tondokumente der Kundgebung dokumentieren die Zustimmung und Begeisterung zumindest eines Teils der österreichischen Gesellschaft zum NS-Regime, mithin deren „moralische Kapitulation vor dem Nationalsozialismus“ (Peter Stachel). Der „Herr Karl“ im gleichnamigen Skandalstück von Carl Merz und Helmut Qualtinger (TV-Ausstrahlung 1961) gibt ganz unverblümt seine wehmütigen Erinnerungen an den 15. März 1938 zum Besten („Endlich amal hat da Wiener a Freid g’hobt … a Hetz … […] es war wie a riesiger Heiriger …“). Großveranstaltungen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, beginnend mit dem Konzert für Österreich 1992 und dem Lichtermeer 1993, Gedenkveranstaltungen wie die Nacht des Schweigens (März 2008) und das jährliche Fest der Freude zum Kriegsende am 8. Mai (seit 2013) sind immer auch Gegenkundgebungen zum übermächtigen Bild des 15. März 1938.

Elie Wiesel: „Balkon ist nur Symbol“

Kaum jemand hat es nach 1945 gewagt, den Altan der Neuen Burg selbst – vielfach noch heute Hitler-Balkon genannt – öffentlich zu betreten. Die erste und bisher einzige Rede an diesem Ort hat Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel beim Konzert für Österreich am 17. Juni 1992 gehalten, einer Kundgebung gegen die NS-Verharmlosung durch den FPÖ-Vorsitzenden Jörg Haider. Wiesel sagte dazu: „Der Balkon ist nichts. Er ist ein Symbol, mehr nicht. Die Veränderung, die Läuterung kann nicht vom Balkon kommen. Sie muss von unten kommen.“

Tatsächlich liegt auch der eigentliche Irritationsfaktor des 15. März 1938 nicht in der Rede Hitlers auf dem Balkon, sondern in der audiovisuell dokumentierten Hysterie der Massen auf dem Heldenplatz. Dieser Echoraum, die Resonanz von Hundertausenden, scheint die Stimme des Volkes zu repräsentieren. Aber genau das zu suggerieren war auch Ziel der NS-Propaganda. Nach 1945 sorgten diese Bilder für peinliches Unbehagen, widersprachen sie doch augenscheinlich der offiziellen Opferthese. Das amtliche Rot-Weiß-Rot-Buch (1946) sprach von einem „optischen und akustischen Täuschungsmanöver der nationalsozialistischen Propaganda“.

Hitler spricht am Heldenplatz

AP

Hitler spricht am Heldenplatz

Ein neutraler, nicht durch die NS-Propaganda gefilterter Blick auf das Ereignis selbst ist jedoch kaum möglich, denn die Heldenplatz-Kundgebung ist von ihrer medialen Inszenierung nicht zu trennen. Die Großveranstaltung wurde vom Rundfunk für Millionen Hörer/-innen übertragen, in der Kino-Wochenschau gezeigt und in unzähligen NS-Publikationen propagandistisch aufbereitet. Was sagen uns die Bilder vom Heldenplatz heute, 80 Jahre danach, über die Situation im nationalsozialistischen Wien, was verdecken sie?

Inszenierung mit modernster Medientechnologie

Als Hitler am Nachmittag des 14. März in Wien eintrifft und in den Straßen der Stadt mit frenetischem Jubel empfangen wird, ist Österreich bereits durch das Gesetz über die „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ vom 13. März Nazi-Deutschland eingegliedert. Die Kundgebung auf dem Heldenplatz war „minutiös organisiert“ (Kurt Bauer). Die nationalsozialistische Propagandamaschinerie arbeitete bereits auf Hochtoren. In den Morgenstunden stellte der „Reichsautozug Deutschland“ auf dem Heldenplatz 25 Übertragungswagen auf.

Damit stand modernste Medientechnologie bereit, wie sie auch an den Nürnberger Reichsparteitagen eingesetzt wurde. Die Schulen waren bereits seit dem 12. März geschlossen, Kinder und Jugendliche sollten für die Aufmärsche der Hitler-Jugend zur Verfügung stehen. Büros, Geschäfte (ausgenommen Lebensmittelgeschäfte und Gasthäuser) und Fabriken mussten um 10.00 Uhr schließen. Aus vielen Betrieben wurde die Belegschaft geschlossen zum Heldenplatz geführt. Nicht alle aus Begeisterung – gerade für Beamte und Staatsangestellte war es nicht ratsam, sich zu verweigern. Die neuen Machthaber hatten umgehend mit der Verhaftung von Regimegegnern begonnen, an diesem Tag waren bereits Zehntausende in Haft.

Perspektive "des Volkes"

ÖNB

Perspektive „des Volkes“

Hitlers „Soundtrack“ zu den Bildern

Der „Völkische Beobachter“ berichtet in seiner (ersten) Wiener Ausgabe vom 16. März 1938 in kaum überbietbaren Superlativen von der „unvergleichlichen Kundgebung des deutschen Wien“, das durch die Ankunft des „Führers“ zur „glücklichste[n] Stadt der Welt“ geworden sei. „Hundertausende“ hätten sich auf dem Heldenplatz eingefunden, „ein Orkan des Jubels bricht los“, als Hitlers Wagenkolonne in den Platz einbiegt. „Getragen von dieser Woge grenzenloser Begeisterung erreicht die Spitze des Zuges den breiten Aufgang zur Neuen Hofburg. Adolf Hitler verlässt den Wagen und geht langsamen Schrittes über den purpurnen Teppich die Stufen hinan zur großen Terrasse.“

Dort proklamierte der „Führer“ die „neue Mission“ dieses Landes: Die „älteste Ostmark des deutschen Volkes“ soll von nun an „das jüngste Bollwerk“ des Deutschen Reiches sein. „Starker, anhaltender Beifall“, „[s]türmische Zustimmung“, „[n]icht endenwollende Sieg-Heil-Rufe“, „Begeisterungsstürme“ unterbrechen die Rede immer wieder, wie der „Völkische Beobachter“ vermerkt.

Ausschnitt aus der Rede Hitlers

Am Schluss findet sich die Formulierung, die gewissermaßen als Soundtrack den Bildern der Hitler-Rede eingeschrieben ist: „Ich kann somit in dieser Stunde dem deutschen Volke die größte Vollzugsmeldung meines Lebens abstatten: Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich!“ Der „Völkische Beobachter“ hält fest: „Minutenlange unvorstellbare Kundgebungen der Freude und der Begeisterung brausen nach diesen Worten des Führers über den weiten Heldenplatz.“

Es gab aber auch einen anderen 15. März jenseits des Heldenplatzes. Es ist wohl kein Zufall, dass sich die pogromartigen Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung in den Stunden nach der Hitler-Rede häuften. Menschen wurden gezwungen, die Österreich-Parolen für die von Schuschnigg geplante Volksbefragung von den Straßen zu waschen. Diese „Reibpartien“ wurden zu wahren Volksbelustigungen, die Erniedrigung und Demütigung der jüdischen Bevölkerung geschah – im Unterschied zum Novemberpogrom – ohne Befehl von oben.

Das "Lichtermeer" am 23. Jänner 1993 auf dem Heldenplatz

APA/Schnarr Ulrich

Das „Lichtermeer“ am 23. Jänner 1993 auf dem Heldenplatz

„The Voices“: Gedenken 2018

Die Heldenplatz-Kundgebung ist heute eine audiovisuelle Ikone für die Mitverantwortung vieler Österreicherinnen und Österreicher an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Gerade im Gedenkjahr 2018 stellt sich die Frage, wie wir heute mit dem Schatten der Hitler-Rede, der noch immer über dem Heldenplatz liegt, umgehen können. Das Haus der Geschichte Österreich hat diese Herausforderung aufgegriffen und die renommierte schottische Künstlerin und Turner-Preisträgerin Susan Philipsz eingeladen, sich mit diesem Gedächtnisort auseinanderzusetzen.

Ihre temporäre Klanginstallation „The Voices“ verwandelt den Heldenplatz zweimal täglich in einen Denk- und Resonanzraum, der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verbindet. Der Klang von mit Wasser gefüllten Kristallgläsern erinnert an die Stimmen, die 1938 zum Schweigen gebracht wurden, und ist in seiner leisen Subtilität eine eindringliche Antwort auf das Gebrüll auf dem Heldenplatz. Dieser „Gegenklang“ zum 15. März 1938 erinnert uns daran, wie Monika Sommer, Direktorin des Hauses der Geschichte Österreich, erklärt, „dass die Sicherung der Demokratie auch ‚von unten‘ kommen muss und dass wir alle dafür verantwortlich sind“.

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