Klimademo 2019 vor der Wiener Hofburg
APA/Hans Punz
APA/Hans Punz

Wie viel Aktivismus Wissenschaft verträgt

Am für Freitag ausgerufenen Klimastreik werden sich auch wieder viele Forscherinnen und Forscher beteiligen. Wie viel Aktivismus Wissenschaft verträgt oder braucht, ist umstritten. „Unsere Stimme ist lange nicht gehört worden“, schreibt die Medienethikerin Claudia Paganini in einem Gastbeitrag – und plädiert für Engagement auch außerhalb des Vorlesungssaals.

Wissenschaft steht in der öffentlichen Verantwortung: Es ist ihre Pflicht, sich auf Basis der Forschung und ihres Wissens zu gesellschaftspolitisch drängenden Fragen zu äußern und – gegebenenfalls – auch Handlungsempfehlungen zu formulieren. Viele Menschen sind der Meinung, dass das im Vorlesungssaal, an der Universität, und nicht auf der Straße passieren sollte. Und sie sind überzeugt, dass Wissenschaftler:innen vor allem keine Unterstützung oder auch Solidarität für Aktivist:innen zeigen sollten.

Porträtfoto von Claudia Paganini
Universität Innsbruck

Über die Autorin

Claudia Paganini ist Professorin für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München und eine der Initiatorinnen der Erklärung „Handeln statt Kriminalisieren“.

Ö1 Sendungshinweis

Punkt eins widmet sich am 14.9., 13.00 Uhr, dem Thema Wissenschaft und Aktivismus? Gäste: Sozialwissenschaftlerin Ilona Otto und Claudia Paganini. Hörerinnen und Hörer können mitdiskutieren, telefonisch (0800 22 69 79) oder per Mail (punkteins@orf.at).

Tatsächlich ist das für die meisten von uns nicht der erste Schritt und war es auch bei mir nicht. Vielmehr haben wir jahrelang genau das getan, was von uns erwartet wurde. Wir haben Vorträge gehalten, Artikel geschrieben über den menschengemachten Klimawandel mit seinen katastrophalen Folgen und – in der letzten Zeit auch immer mehr – über den Umgang mit Klimaaktivistinnen und -aktivisten, in dem sich mehr und mehr ein Versagen des Rechtsstaates manifestiert.

Stimme lange nicht gehört

Wissenschaftler:innen haben wieder und wieder darauf hingewiesen, dass sich das Zeitfenster für Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise schnell schließen wird. Sie haben aufgezeigt, dass die Erderwärmung unser aller Leben massiv bedrohen wird und dass die verheerenden Folgen des Klimawandels sehr ungerecht verteilt sein werden: zwischen Alt und Jung, Arm und Reich sowie zwischen den Ländern des globalen Nordens und des globalen Südens.

Wir haben uns also so verhalten, wie man es von Wissenschaftler:innen erwartet. Doch hinter den Mauern der Universitäten und Hochschulen ist die Stimme der Wissenschaft nicht oder kaum gehört worden. Daher hat sich mir die Frage gestellt, wie Wissenschaft ihrem Auftrag, die eigene sachorientierte Expertise in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, nachkommen kann – und wie sie aktiv dazu beitragen kann, dass unsere Politik endlich die Verantwortung für die (Über-)Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen übernimmt, die durch den menschengemachten Klimawandel massiv bedroht sind.

Akzente im Rahmen der Gesetze

Während nämlich die Regierungen von hochentwickelten und reichen Ländern sehr gelassen hinzunehmen scheinen, dass sie die eigenen – auf Basis von langen demokratischen Prozessen formulierten – Klimaziele nicht erreichen werden, stemmen sich immer mehr Menschen gegen dieses verantwortungslose „Weiter-So“, das sich häufig hinter der Fassade wohlfeiler Klimaschutzabsichten verbirgt.

Die Protestformen sind mannigfaltig. Manche gehen an die Grenze dessen, was für die Bevölkerung in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat erträglich erscheint. Sie sind meines Erachtens jedoch Ausdruck eines letzten Mittels, um die zuständigen politischen Akteur:innen wie die Gesellschaft insgesamt zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu bewegen.

Daher habe ich entschieden, mich auch außerhalb der Vorlesungssaals als Wissenschaftlerin zu Wort zu melden. Ich tue das nicht als Aktivistin, d. h. ich setze selbst keine Akte des zivilen Ungehorsams, sondern bewege mich im Rahmen des geltenden Gesetzes. Sehr wohl versuche ich aber durch meine Wortmeldungen in der Öffentlichkeit mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass es jetzt angemessene Akzentsetzung braucht und dass wir außerdem dringend für eine Versachlichung sorgen und uns gegen eine Kriminalisierung der Klimaaktivist:innen wehren müssen.