Ötzis letzte Mahlzeit: Steinbock mit Farn

Forscher haben herausgefunden, was Ötzi vor seinem Tod gegessen hat. Der Mann aus dem Eis setzte auf durchaus ausgewogene Kost: Auf seinem Speiseplan standen Steinbock, Hirsch, Getreide und Farn.

Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forschungsteam, das erstmals den vollen Magen des vor 5.300 Jahren getöteten Mannes analysiert hat. „Man hat damals offensichtlich durchaus auf die Ernährung geachtet und sowohl Kohlenhydrate, Proteine als auch Fette zu sich genommen. Vermutlich war also schon sehr viel Hausverstand und Wissen vorhanden“, erklärt der Hauptautor der Studie, Frank Maixner von der Europäischen Akademie in Bozen.

Die Studie

The Iceman’s Last Meal Consisted of Fat, Wild Meat, and Cereals, Current Biology (12.7.2018)

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmen sich auch das Ö1-Journal sowie die Nachrichten am 13.7.

Sehr viel Steinbockfett

Auffällig ist dabei der hohe Fettanteil in Ötzis Magen, erklärt der Mumienforscher. Während bei einem durchschnittlichen Menschen heute der Fettanteil im Magen bei zehn Prozent liegt, waren es bei dem im Eis konservierten Mann 40 Prozent des Mageninhalts. „Das unterstützt unsere Theorie, dass Ötzi sich vorbereitet hat und sehr genau wusste, dass er in diesen Höhen, in denen er sich bewegt hat, Energie braucht und da ist Fett die beste Energiequelle.“ Wie die genaue Analyse zeigt, handelt es sich dabei ausschließlich um Steinbockfett, schreiben die Forscher. „Bei Wildtieren lagert sich das Fett unterhalb der Haut wie etwa im Nacken an. Anders als bei domestizierten Tieren wie bei der Kuh etwa, wo sich das Fett zwischen den Muskeln befindet.“

Forscher untersuchen die Eismumie "Ötzi"
Southtyrolarchaeologymuseum\Eurac\M.Samadelli
Die Forscher bei der Untersuchung von Ötzis Magen

Vermutlich getrocknetes Fleisch

Wie Ötzi seine Mahlzeit zubereitet hat, lässt sich anhand des Mageninhalts nicht sagen. Denkbar ist ein Gemenge aus allen Hauptbestandteilen - Fett, Fleisch und Getreide. Aufgrund der Struktur des Fleisches, das sowohl vom Steinbock als auch vom Hirsch stammt, schließen die Forscher aber gekochtes Fleisch aus. „Wenn man Fleisch über 60 Grad Celsius erhitzt, verliert es seine Querstreifung. Diese konnten wir aber bei dem Fleisch im Magen sehen. Demnach muss es frisch oder getrocknet gewesen sein.“

Maixner tippt auf Letzteres. „Da das Fleisch auch im unteren Darmbereich vorhanden ist, kann man daraus schließen, dass es über Tage hinweg verzehrt wurde und der Steinbock eher länger davor erlegt wurde. Zudem ist frisches Fleisch auch eine Infektionsquelle. Es über Tage mit sich herumzuschleppen, macht wenig Sinn.“

Giftiger Farn gibt Rätsel auf

Über die Getreiderückstände - im konkreten Fall handelt es sich um Einkorn, eine Urform des Getreides - lässt sich nur sagen, dass die Körner nicht zu Mehl verarbeitet wurden, sondern vermutlich auch als ganze Körner bis hin zu Teilen vom Getreidehalm verspeist wurden.

Was der giftige Farn wiederum im Magen zu suchen hat, gibt den Forschern größere Rätsel auf. Derzeit gibt es drei Theorien: Eine, wonach Ötzi seine Speisen in die Blätter des giftigen Adlerfarns eingewickelt hatte und somit die Pflanzenrückstände unabsichtlich mitverspeist hat. Eine zweite, wonach Ötzi versucht habe, sein Leiden durch die Darmparasiten mithilfe des Farns zu lindern. Und eine dritte, derzufolge Farn zum regulären Speiseplan Ötzis zählte. Letztere hält Maixner für am wahrscheinlichsten. „Der Adlerfarn ist in dieser Region weit verbreitet. Außerdem weiß man von anderen Urvölkern, dass sie auch heute noch diesen Farn zu sich nehmen. Wie bei allen giftigen Pflanzen ist es eine Frage der Menge.“

Fleischfasern in starker Vergrößerung
Institute for Mummy Studies\Eurac Research\Frank Maixner
Mageninhalt: Fleischfasern unter dem Mikroskop

Insgesamt sorgt die im Fachjournal „Current Biology“ publizierte Studie für wenige absolute Überraschungen. Denn bereits in früheren Untersuchungen des Darms haben Forscher Hinweise auf Mahlzeiten mit Steinbock, Hirsch und Getreide gefunden. Die erste Analyse des Magens gibt nun aber ein viel genaueres Bild über die letzten Mahlzeit Ötzis, so Maixner. „Wir haben nun Zugang zu Biomolekülen, die vorher nicht da waren. Wenn man etwa bedenkt, dass Fette gleich nach der Magenpassage abgebaut werden, können wir hier genauer zeigen, woraus seine letzte Speise im Detail bestanden hat.“

Magen erst 2009 entdeckt

Dass man den Mageninhalt erst jetzt untersucht hat, liegt einfach daran, dass man den Magen lange nicht gefunden hat. Erst 2009 entdeckten ihn Forscher, nachdem sie die Röntgenbilder der Eismumie neu analysiert hatten. „Durch den Mumifikationsprozess ist der Magen nach oben in Richtung Lungen verrutscht. Man hatte ihn da einfach übersehen.“

Als nächstes wollen Maixner und sein Team den Mageninhalt noch genauer untersuchen, um etwa auch Gewürze und andere Nebenprodukte zu entschlüsseln, die in nur kleinen Mengen vorhanden sein könnten. Außerdem haben die Mumienforscher Hinweise auf das Mikrobiom Ötzis gefunden. „Wir würden gerne dieses antike Mikrobiom rekonstruieren, um zu verstehen, welche Darmbakterien früher vorhanden waren - und welche Rolle sie gespielt haben.“

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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