Das Subjekt als Untertan

Schule, Familie und andere Institutionen erzeugen Identität: Louis Althusser nannte sie die „ideologischen Staatsapparate“. Das Subjekt ist diesen Apparaten Untertan, so die These des französischen Philosophen, der am 16. Oktober 1918 geboren wurde.

Der akademischen Philosophie stand der 1990 verstorbene Louis Althusser kritisch gegenüber. In seinem vor kurzem in deutscher Sprache publizierten Werk „Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen“ findet sich eine heftige Anklage gegen die Meisterdenker der Philosophie – von Platon bis Hegel. Sie lebten in einer geschlossenen Welt – so Althusser – und beschränkten sich „auf ein ewiges Wiederkäuen“ von zentralen Texten. Außerdem seien sie unkritisch gegenüber den herrschenden Mächten.

Althusser erstellt eine Liste von Ausschließungen, die die Meisterdenker vorgenommen haben. Ausgeschlossen wurden „die Materie, die Arbeit, Ausbeutung, Sklaven, Leibeigene, Proletarier, Kinder, Frauen in der Fabrikshölle, Elendsviertel, die Ausländer oder Indigene, Krankheit, vor allem der Körper mit seinem Begehren oder der Wahnsinn“.

Klassenkampf in der Theorie

Gegen diese Philosophie plädierte Althusser für eine „ganz andere Art des Philosophierens“, für einen „Klassenkampf in der Theorie“. Als Hauptwerke Althussers gelten die Texte „Für Marx“ und „Das Kapital lesen“. Darin plädiert er für eine Neulektüre der Schriften von Marx und entwickelte die These vom epistemologischen - dem wissenschaftstheoretischen Bruch - im Werk von Marx. Sie besagt, dass er sich um 1845 von seinen humanistischen Frühschriften abgewandt habe, um zur Wissenschaft vorzudringen. An die Stelle von Begriffen wie „Entfremdung“ und „der Mensch“ traten Begriffe wie „Produktionsmittel“, „Produktionsverhältnisse“ und „Ideologie“.

Leben als (Selbst)Zerstörung

Louis Althusser, geboren am 16. Oktober 1918, studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Philosophie, trat in die Kommunistische Partei ein und war bis 1980 Professor für Philosophie an der Ecole Normale Supérieure. Er litt an schweren Depressionen, die er stationär behandeln lassen musste. Althusser verstand sein Leben als einen Selbstzerstörungsprozess, der seinen Höhepunkt 1980 in der Ermordung seiner Frau Hélène fand. Er selbst konnte sich an die Tat nicht erinnern und wurde in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen und nach drei Jahren entlassen. Als bereits „subjektiv Toter“ verstarb er 1990.

Gemeinsam mit seinem Schüler Michel Foucault bekämpfte Althusser den Humanismus - „alle diese Herzensschreie der menschlichen Person“. Speziell wandte sich der streitbare Philosoph gegen Jean-Paul Sartre, der den Marxismus um eine „konkrete Anthropologie“ – den Existenzialismus – erweitern wollte. Andererseits provozierte Althusser die Repräsentanten der französischen Kommunistischen Partei, die den Humanismus als propagandistischen Deckmantel benützten.

Ideologische Apparate

In seiner genauen Lektüre von Marx entfaltete Althusser eine neue Sichtweise auf die Rolle des Überbaus in der marxistischen Theorie, dem üblicherweise nur eine marginale Rolle zugedacht wird. Wesentlich ist die ökonomische Formation, kulturelle und ideologische Faktoren sind dadurch determiniert. Im Gegensatz zu diesem zentralen Dogma des Marxismus betonte Althusser die Abhängigkeit des Einzelnen von den ideologischen Strukturen, die das kapitalistische System ausgebildet hat. Institutionen wie Schule, Kirche, oder Familie – die sogenannten „ideologischen Apparate“ – konstituieren die Identität der Menschen. Sie erliegen dann der Illusion, die vorgegebenen Normen selbst geschaffen zu haben, internalisieren sie und engagieren sich dafür.

Porträtfoto von Luis Althusser
AFP
Althusser 1978

Althusser bezog sich in seinen Schriften auf den Philosophen Spinoza, der in seiner „Ethik“ die Frage stellte: „Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Glück?“ Das Paradoxon besteht darin, dass Menschen nicht nur durch die Macht eingeschränkt werden und passiv bleiben, sondern im Gegenteil, dass gerade die Aktivität der Menschen oft ein spontaner Beitrag zu ihrer Unterdrückung ist. Gerade dort, wo die Menschen freiwillig aktiv werden, tragen sie massiv zu den Verhältnissen bei, von denen sie unterdrückt werden.

Ideologische Anrufungen

Die ideologische Unterwerfung des Subjekts erfolgt durch eine Prozedur, die Althusser als „Anrufung“ bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist eine alltägliche Situation, in der ein Passant von einem Polizisten mit den Worten „He – Sie da!“ angerufen wird. Dem Passanten wird in dieser Situation bewusst, dass es sich nicht nur um eine verbale Anrufung handelt, der er Folge zu leisten hat. Der Anruf erfolgt in einem ideologisch- gesellschaftlichen Bezug, in dem der Polizist die Autorität der Staatsmacht verkörpert, der sich der Passant – als Individuum – zu unterwerfen hat.

Ö1-Sendungshinweis

Das Subjekt als Untertan. Zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen Louis Althusser: 16. Oktober, 19.05 Uhr

Auf Althussers Unterwerfungstheorie des Subjekts bezog sich die amerikanische Philosophin und Gender-Theoretikerin Judith Butler in ihren Ausführungen über die Bedeutung der Geschlechterrollen. „Wir alle sind seit der Geburt von Geschlechterrollen geprägt, die unser Handeln bis heute bestimmen“, schrieb Butler, „unser Handeln wird immer schon von gewissen sozialen Normen konditioniert. So etwas wie Handlungsfreiheit existiert gar nicht.“

„Des-Identifikationen“

Im Spätwerk von Althusser finden sich jedoch Hinweise. dass man die Subjektstruktur durchbrechen könne. Die Anrufungen durch verschiedene Ideologien oder ideologische Staatsapparate werden nicht immer befolgt.
Verschiedene rebellische Subjekte distanzieren sich von den konstituierenden Anrufen oder bekämpfen sie. Es ist dies ein Prozess einer zunehmenden „Des-Identifikation“, die sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene stattfinden kann.

Diese Des-Identifikation, wie sie Althusser propagierte, sollte keineswegs als eine individuelle Revolte erfolgen, sondern als Kulturrevolution, wie sie etwa im Pariser Mai 68 erfolgte. Obwohl Althusser gegenüber Befreiungsversuchen innerhalb des kapitalistischen Systems skeptisch war, nahm er doch regen Anteil an diesen Ereignissen.

Die Revolution ist ein Würfelwurf

Althussers Texte, die sich mit der partiellen Befreiung des Subjekts aus ideologischen Strukturen befassen, sind in dem Band „„Materialismus der Begegnung“ versammelt. Darin zeigt sich, wie weit er sich von Marx entfernt hatte. Gegen dessen zentrale These von den ökonomischen und politischen Gesetzmäßigkeiten der Geschichte, die in der Herrschaft des Proletariats kulminieren, betont Althusser die Rolle des Zufalls. Er führte sowohl in der individuellen Biografie als auch im politischen oder gesellschaftlichen Bereich zu Konstellationen, die niemand erwartet hat, wie zum Beispiel der Zerfall der UdSSR oder die Arabischen Revolutionen.

Diese Spätschriften setzen auch die Intention von Althusser fort, die er Zeit seines Lebens verfolgt hat: „Unter den Losungen, die ich formuliert habe, steht an erster Stelle der Anspruch, anders zu denken, anders zu sprechen, eine andere Konzeption von Geschichte zu erarbeiten.“ Louis Althusser ist der große Abwesende der gegenwärtigen linken Theorie: Obwohl sein Name nur selten erwähnt wird, sind seine Begriffe wie zum Beispiel „ideologische Apparate“ überall zur finden. Es ist an der Zeit, ihn dorthin zurückzuholen, wo er hingehört; In den Mittelpunkt unserer theoretischen Kämpfe (Slavoj Žižek).

Nikolaus Halmer, Ö1-Wissenschaft

Literaturhinweise

Louis Althusser: Für Marx, Herausgegeben von Frieder Otto Wolf, edition suhrkamp 2600
Louis Althusser, Etienne Balibar, Roger Establet, Pierre Macherey, Jacques Rancière: Das Kapital lesen, Verlag Westfälisches Dampfboot
Louis Althusser: Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen, Herausgegeben von G. M. Goshgarian, Passagen Verlag
Louis Althusser: Als Marxist in der Philosophie, Herausgegeben von G. M. Goshgarian, Passagen Verlag
Louis Althusser: Materialismus der Begegnung, diaphanes Verlag
Louis Althusser: Die Zukunft hat Zeit. Die Tatsachen. Zwei autobiografische Texte, S.Fischer Verlag (antiquarisch erhältlich)
Isolde Charim: Der Althusser-Effekt. Entwurf einer Ideologietheorie, Passagen Verlag
Robert Pfaller: Althusser. Das Schweigen im Text, Wilhelm Fink Verlag (antiquarisch erhältlich)