Medikamente im Wasser

Man findet sie im Abwasser, im Klärschlamm, in Flüssen und Seen: Rückstände von Arzneimitteln. Für Menschen soll die Menge laut Experten unbedenklich sein, Tiere und Pflanzen können darunter leiden. Eine verbesserte Wasserreinigung wäre eine Lösung.

Vier von zehn Österreichern leiden mindestens einmal im Jahr an starken Schmerzen. Bei einem Viertel der Bevölkerung kommen die Schmerzen immer wieder. Das erklärt auch, weshalb Schmerzmittel die Liste der am meisten verbrauchten Arzneimittel anführen. Laut der letzten Erhebung des Umweltbundesamtes waren es im Jahr 2014 245 Tonnen. Kein Wunder also, dass auch in den Abwässern, Flüssen, Böden sowie in kleinsten Mengen auch im Grundwasser Schmerzmittel wie Diclofenac sowie Wirkstoffe von Ibuprofen und Aspirin im Vergleich zu anderen Wirkstoffgruppen dominieren, erklärt Manfred Clara. „Eine weitere Gruppe mit sehr hohen Verbrauchsmengen sind Antidiabetika - ein Beispiel ist Metformin. An dritter Stelle stehen Antiepileptika.“ Beides findet man auch im Wasser genauso wie kleine Rückstände von Antibiotika - Platz vier in der Verbrauchsliste.

Medikamente in Apothekenschrank
Daniel Reinhardt/dpa
Medikamente in der Apotheke

Es sind aber auch andere Stoffe im Abwasser und den Flüssen zu finden: z.B. Röntgenkontrastmittel, erklärt Manfred Clara. „Die findet man zwar nicht überall, aber wenn, dann werden sie auch in sehr hohen Konzentrationen gefunden“, erklärt der Experte für Abwasserreinigung im Umweltbundesamt in Wien.

Wenn Clara von hohen Konzentrationen spricht, meint er bis zu 1.000 Nanogramm pro Liter. „Ob das viel oder wenig ist, ist schwer zu sagen. Wenn man sich vor Augen hält, dass ein Medikament in Tablettenform den gleichen Stoff in Milligramm-Konzentrationen enthält, dann ist das eine Million mehr als wir in den Gewässern finden. Aber natürlich ist es ein Unterschied, ob ich das in der Umwelt finde oder gezielt als Medikament einnehme.“

Belastung bleibt etwa gleich

Das Rückstände-Ranking geht auf die letzten Messungen zurück, die das Umweltbundesamt zuletzt Ende 2017 sowie Anfang des Jahres an 20 Stellen in Österreich durchgeführt hat. „Mit unserem Test erfassen wir 90 Arzneimittel ab einem Nanogramm pro Liter. In eigentlich allen Proben wurden sehr viele Arzneimittel gefunden. Das reicht von 40 bis zu 70 Wirkstoffen pro Probe.“ Damit sticht das aktuelle Messergebnis im Vergleich zu Untersuchungen in der Vergangenheit nicht besonders heraus. „Wir haben hier in etwa ähnliche Ergebnisse. Ein Trend ist aber nicht ableitbar, weil uns streng systematische Untersuchungen fehlen, die über Jahrzehnte reichen müssten. Zum Teil werden die Untersuchungen nur punktuell gemacht.“

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Welche Konsequenzen die Medikamentenrückstände haben, lässt sich nicht pauschal beurteilen, zum Teil fehlt es auch an Untersuchungen. Vereinzelte, internationale Studien der letzten Jahre zeigen aber, dass bereits niedrige Konzentrationen von Hormon-Rückständen aus Verhütungspillen aus manchen männlichen Fröschen und Kröten Weibchen machen können. Das könnte die Tierbestände gefährden. Bestimmte Antibiotikarückstände im Boden können wiederum von Pflanzen aufgenommen werden und deren Wachstum hemmen, erklärt Christina Hartmann, Expertin für Ökotoxikologie und Human-Biomonitoring im Umweltbundesamt. Zudem tragen Antibiotikarückstände in der Umwelt auch dazu bei, dass Erreger gegen die Wirkstoffe immun werden.

Für den Menschen seien die Mengen im heimischen Grund- sowie Trinkwasser unbedenklich. Das ergibt sich aus einer Grenzwertetabelle, die das Umweltbundesamt gemeinsam mit der AGES - der Agentur für Gesundheit- und Ernährungssicherheit erstellt hat. „Wir bewegen uns hier im Sub-Nanobereich. Das sind dann Konzentrationen, da können wir nur noch von Spuren reden.“ Einen gesetzlich geregelten Grenzwertekatalog gibt es nicht.

Lösung: 4. Reinigungsstufe

Nicht zuletzt aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung ist aber damit zu rechnen, dass der Medikamentenverbrauch steigen wird. Die Lösung für das Problem sieht Manfred Clara in einer besseren Wasserreinigung. Bis jetzt wird das Abwasser hierzulande in drei Schritten gereinigt, auch dabei wird ein Teil der Wirkstoffe bereits beseitigt.

Eine weitere Reinigungsstufe soll mit einem speziellen Verfahren den Rest entfernen. Dabei kommen unterschiedliche Technologien zum Einsatz. Einerseits sollen fettlösliche Stoffe durch Aktivkohle absorbiert werden, andere mithilfe von Ozon oxidiert. In Deutschland und der Schweiz wird die sogenannte vierte Reinigungsstufe bereits eingesetzt. „Die Anlagen dort bestätigen das Potenzial für die Entfernung von Arzneimittelwirkstoffen. Vorausgesetzt, das Wasser wird in den vorherigen Stufen bereits bestmöglich gereinigt.“

Wie in der Schweiz, müsse man sich jetzt gut überlegen, wo man eine solche vierte Reinigungsstufe einbauen könnte, meint Clara. Flächendeckend wäre es zu teuer. „Die Werte, die kursieren, sind so zwischen zehn und zwanzig Euro pro Einwohner und Jahr.“ Das würde bei 8.8 Millionen Einwohnern 88 - 176 Millionen ausmachen.

Auch Technologie hat Grenzen

Die Technologie alleine wird aber auch nicht alle Rückstände restlos beseitigen können, macht Manfred Clara deutlich. Will man die Arzneimittelbelastung in der Umwelt senken, brauche es demnach zusätzliche Maßnahmen. Angefangen von einer strengeren Rezeptpflicht, um den Zugang zu Medikamenten besser zu steuern, unterschiedlichere Verpackungsgrößen, bis hin zur Forschung, die auch gezielt nach abbaubaren Arzneimitteln suchen soll, erklärt der Gewässer-Experte. Auch der eigene Umgang mit Medikamenten sei zu überdenken. Einerseits der Konsum, andererseits die Entsorgung. Die Wirkstoffe gelangen nicht nur über den Urin in das Abwasser, sondern auch über unsachgemäße Entfernung.

Auf diese Weise landen Medikamentenrückstände nicht nur im Abwasser, sondern finden ihren Weg sogar in Bio-Abfallkomposten sowie in Blumenerden aus dem Handel, wie eine Untersuchung in Vorarlberg zeigte. „Das hat uns sehr überrascht und es ist schwer zu erklären, woher die Rückstände genau kommen. Es ist aber mit ein Problem der unsachgemäßen Entfernung. Zum Teil werden Medikamente übers Klo entsorgt oder im Hausmüll.“ Richtigerweise müssen alte Medikamente zur Problemsammelstelle gebracht werden oder zur Apotheke.

Das Problem von Wirkstoffrückständen im Gewässer ist aber keinesfalls ein rein österreichisches. Auch auf EU-Ebene ist man sich dessen bewusst. Hier versucht man aktuell, eine Strategie zum besseren Umgang mit pharmazeutischen Wirkstoffen auszuarbeiten. Dabei sollen ebenfalls eine Vielzahl von Maßnahmen formuliert werden, um die Rückstände im Wasser zu verringern, erklärt Clara.

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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