Die Schwammstadt lässt Bäume wachsen

In der Schwammstadt können Bäume gut leben: Sie haben Platz für ihre Wurzeln, werden größer und spenden mehr Schatten. In Skandinavien werden urbane Räume schon lange als „Schwamm“ bewirtschaftet - der Klimawandel bringt das Konzept nun auch nach Österreich.

Man stelle sich einen trockenen Schwamm mit seinen vielen Poren und Verästelungen vor. Taucht man ihn in Wasser, saugt er sich voll, füllt seine Hohlräume und speichert die Flüssigkeit. Wie einen Schwamm kann man sich den Untergrund der Bäume vorstellen, die in der Versuchsanlage der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Wien stehen. Stefan Schmidt, Leiter der Abteilung Garten- und Landschaftsgestaltung, erklärt das Prinzip: „Ein Baum hat ungefähr so viele Wurzeln wie Volumen in der Krone, und diesen Wurzelraum muss der Baum irgendwo finden. Die Bäume finden ihn in unseren Städten immer weniger, sie sterben oder verkümmern.“

Hohlräume mit Nahrung für Bäume

Die Idee der Schwammstadt ist es deshalb, Strukturen im Untergrund zu schaffen, die von den Wurzeln erschlossen werden können. Und das heißt, den Boden aufzulockern statt zu verdichten, aber dennoch genügend Stabilität für Straßen und Gehwege zu bieten. Das funktioniert, indem man Steine, sogenannten Splitt, mit Kompost und anderen Substanzen mischt. Erwin Murer vom Bundesamt für Wasserwirtschaft ist der Bodenexperte im Projekt Schwammstadt: „Zwischen den Steinen sind Hohlräume, dorthin wird Feinmaterial geschwemmt. Das Wasser kann hineinfließen und wird temporär zwischengespeichert. Und: Die Wurzeln können hineinwachsen, der Baum findet Wasser und Nährstoffe.“

Die Experten der Schwammstadt, die Wurzeln eines "Schwammbaums" und versickerungsoffene Pflastersteine
Elke Ziegler, science.ORF.at
Experten für die Schwammstadt: Daniel Zimmermann, Stefan Schmidt, Erwin Murer; die Wurzeln eines „Schwammbaums“ (r.o.), versickerungsoffene Pflastersteine (r.u.)

Mit Blick auf den Klimawandel hat das Konzept der Schwammstadt mehrere Vorteile, so Stefan Schmidt: „Nur dann, wenn der Baum groß genug ist, gibt es genug Schatten und es gibt genug Verdunstungsoberfläche. Der Baum trägt aktiv zur Kühlung bei, indem er Wasser aus dem Boden aufnimmt und nach oben verdunstet.“ Im Unterschied zu Materialien wie Asphalt, Stein, Stoff etwa von Markisen oder Blech von Autos wird die Blattoberfläche nie heißer als die Lufttemperatur.

Klima schützen, Leben wandeln

Letztlich muss die Politik die großen Weichen in Sachen Klimapolitik stellen. Kleine Projekte können aber einen Weg hin zu einem sinnvollen Umgang mit dem Klimawandel weisen. „Wissen Aktuell“ und science.ORF.at stellen in den nächsten Wochen solche Projekte vor.

Auch für den schnellen Wechsel zwischen Hitze und starken Niederschlägen eigne sich die Schwammstadt: „Wir haben das Problem, dass wir zu viel Niederschlagswasser in einer kurzen Zeit haben - zu viel, als dass unsere alten Kanalsysteme das aufnehmen können. Entweder wir bauen das gesamte Kanalsystem für einige wenige Starkregenereignisse im Jahr um oder wir finden eine Lösung des Zwischenspeicherns, wie sie die Schwammstadt ist.“ Damit das Wasser eindringen kann, muss auch die Oberfläche speziell gestaltet werden, darum kümmert sich der Landschaftsplaner Daniel Zimmermann vom Architekturbüro 3:0: „Man kann etwa einen Pflasterbelag nehmen, der durch die Fugen versickerungsoffen ist, durch eine Schräge das Wasser in sogenannte Tiefbeete ableitet und dadurch wieder den Untergrund mit Feuchtigkeit speist.“

Letztlich passiert in der Schwammstadt das Gegenteil davon, was in Österreich in den letzten Jahrzehnten im Straßenbau praktiziert wurde: Anstatt den Boden immer dichter zu machen, bis er eine homogene, undurchdringliche Schicht ist, wird er belebt, jedoch ohne an Stabilität zu verlieren. In Skandinavien werden Stadtböden seit 30 Jahren wie ein Schwamm aufgelockert, in Österreich steckt das Konzept noch in den Kinderschuhen. Es gibt eine Schwamm-Allee in Graz, ein Projekt in der Seestadt in Wien wird vorbereitet - Interesse von anderen Gemeinden sei willkommen, so die Schwammstadt-Experten.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

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