Die dreifache Zähmung der Ziege

Die Domestizierung von Ziegen fand vor etwa 9.000 Jahren im Nahen Osten statt - und zwar an mehreren Orten gleichzeitig, wie genetische Analysen belegen: Diese Entdeckung erzählt auch etwas über den Ideenaustausch der ersten Bauern.

Wo und durch wen wurden Ziegen erstmals gezähmt, gezüchtet und damit genetisch verändert? Fest standen die Großregion - der Nahe Osten vor etwa 9.000 Jahren - und das Motiv: Menschen wollten leichter an das Fleisch der Tiere kommen. Was die geografischen Details betrifft, gab es zwei konkurrierende Theorien. Eine besagte, dass alles an einem einzigen Ort passiert sein muss. Und eine zweite, dass dieser Prozess an mehreren Orten beinah unabhängig voneinander stattfand, erklärt einer der Studienautoren, Ron Pinhasi von der Universität Wien.

Nun hat der Archäologe und Anthropologe mit einem 39-köpfigen internationalen Team bewiesen: Die zweite Theorie stimmt. Die Zähmung der Ziege fand in drei Zentren im Nahen Osten statt und zwar im Westen Anatoliens und am Rande des Balkans, im Grenzgebiet von Iran und Turkmenistan sowie in der Levante.

Die Studie

Ancient goat genomes reveal mosaicdomestication in the Fertile Crescent, Science (5.7.2018)

Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich auch ein Beitrag in „Wissen aktuell“ am 6.7. um 13:55 Uhr.

DNA-Technologie löst Rätsel

Zu diesem Ergebnis kommen die Forscher durch die chemische und genetische Analyse von 85 Ziegenknochen aus dem Nahen Osten, die aus der Altsteinzeit bis hin zum Mittelalter stammen. „Domestizierung ist natürlich ein langer Prozess, der über mehrere Generationen hinweg dauert. So gibt es etwa Hinweise auf erste Ansätze der Zähmung von Wildziegen, die etwa 11.500 Jahre zurück liegen. Den einen Punkt zu bestimmen, ab wann ein Tier als domestiziert gilt, ist nicht leicht - es gibt aber bestimmte Kriterien.“ Zu diesen zählen etwa die Farbe des Fells, ein veränderter Körperbau sowie wie die Zahl der Nachkommen.

Ziege in Hügelland ohne Vegetation

Marjan Mashkour, 2017

Domestizierte Ziege im Zagros-Gebirge, Iran

„Es gibt keine domestizierte Ziege, die nicht auch diese Veränderungen zeigen würde. In dieser Studie ist es uns erstmals gelungen, die genetischen Veränderungen, die mit diesen Merkmalen einhergehen, zu bestimmen und damit absolut sicher sagen zu können, ob eine Ziege domestiziert ist oder nicht“, erklärt Pinhasi gegenüber science.ORF.at.

Hatten alle zufällig die gleiche Idee?

Dass es drei getrennte Zentren der Ziegenzucht gab, zeigt sich ebenfalls im Genom der domestizierten Ziegen. Denn die Herden in Anatolien, Iran und der Levante stammen jeweils von anderen wilden Artgenossen ab. Dieses Ergebnis scheint sich mit Erkenntnissen anderer Studien zu decken, so Pinhasi. 2016 zeigte er mit Kollegen, dass sich die ersten Bauern in den drei Regionen ebenfalls stark genetisch voneinander unterschieden. „Es gab demnach zu dieser Zeit keine Migration von Menschen oder Herden.“

War es also Zufall, dass Menschen in allen drei Gebieten zur mehr oder weniger selben Zeit anfingen, Ziegen zu züchten? Daran will Pinhasi nicht glauben. „Ich denke nicht, dass hier an drei Orten zufällig Menschen die gleiche Idee hatten. Vielmehr war vermutlich eine Gruppe die erste und verbreitete dann die Idee, dass man Ziegen nicht jagen muss, um an ihr Fleisch zu kommen, sondern sie auch züchten kann.“ Pinhasi schließt daraus: Bisher hat man wohl unterschätzt, wie weit die Menschen damals im Nahen Osten sozial vernetzt waren.

Ruth Hutsteiner, Ö1-Wissenschaft

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