Rettungsschiff mit Ablaufdatum

Mehr als 13.000 Kinder und Jugendliche leben in Österreich nicht bei ihren Familien, weil die Eltern krank oder gewalttätig sind. Für sie gibt es betreute Wohngemeinschaften oder Pflegefamilien - allerdings nur bis 18. Experten wollen einen Ausbau, die Regierung verweist an die Bundesländer.

Die Kindheit und Jugend nicht bei den eigenen Eltern verbringen zu können, sei für junge Menschen immer eine Belastung, sagt Hubert Löffler, Geschäftsführer des Dachverbands der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen. Je später jemand in einer betreuten Wohneinrichtung oder bei einer Pflegefamilie untergebracht wird, desto schwerer wiege in vielen Fällen der Rucksack der Vergangenheit, den diese jungen Menschen mitschleppen. Besonders spürbar werde das mit der Volljährigkeit. „Die Kinder- und Jugendhilfe ist für diese Jugendlichen ein Rettungsschiff. Und mit 18 müssen sie es verlassen“, so Löffler. „Sie werden in die Selbstständigkeit hineingeworfen.“

Bedarf nach „reserviertem Kinderzimmer“

Selbstständig zu sein, heißt für diese jungen Menschen, sich um alles selbst kümmern zu müssen - egal, ob Wohnung oder Arbeit. Und es heißt, mit seinen Sorgen und Gefühlen allein zu sein. „Eine ganze Menge von Hindernissen, obwohl ihre Voraussetzungen für diesen Übergang viel schlechter sind.“ Manche werden deshalb krank, andere rutschen in die Kleinkriminalität.

Kinder- und Jugendgesundheit:

Details zur Studie von Birgit Bütow und Melanie Holztrattner finden sich im heute präsentierten Jahresbericht 2018 der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Die Erziehungswissenschaftlerin Birgit Bütow von der Universität Salzburg hat im Rahmen einer Studie Interviews mit Menschen gemacht, die ihre Kindheit nicht bei der eigenen Familie verbracht haben. Die Betreuung zu verlieren, ist vor allem für eine Gruppe besonders problematisch: „Diejenigen, die Erfahrungen etwa in Form von Gewalt oder Misshandlung gemacht und sie nicht aufgearbeitet haben, haben natürlich große Probleme.“ Aber auch die anderen jungen Menschen bräuchten ab und zu eine Schulter zum Anlehnen, jemanden, der ihnen zuhört. „Es bräuchte eigentlich ein reserviertes Kinderzimmer, wo man als Erwachsener auch immer mal sich zurückverkriechen kann“, so Birgit Bütow.

Regierung übergibt an Bundesländer

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag und eine Studiogespräch im Mittagsjournal am 10.10 um 12:00.

Bundesländer wie Tirol, Kärnten und Vorarlberg stellen so eine Art Kinderzimmer auch nach 18 zur Verfügung. Sie bieten Gespräche mit Sozialarbeiterinnen an oder verlängern betreutes Wohnen über die Volljährigkeit hinaus. In anderen Bundesländern endet mit 18 jede Betreuung. Dass die Regierung die Kinder- und Jugendhilfe den Ländern überantwortet, kritisiert Hubert Löffler vom Dachverband scharf. Er will eine reformierte, bundesweite Regelung: „Wir fordern ein Gesetz, dass diese jungen Erwachsenen ein Recht haben auf Betreuung bis 24 oder 25. Sie sollen nicht einfach fallen gelassen werden.“

Die Chancen für eine bundesweite Regelung sind gering - geht es nach Justizminister Josef Moser, soll die Kinder- und Jugendhilfe demnächst an die Bundesländer gehen.

Elke Ziegler, Ö1-Wissenschaft

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