Kinder spüren unterdrückte Gefühle

Es ist keine gute Idee, Wut und andere negative Gefühle vor seinen Kindern zu verbergen. Denn Experimente zeigen: Der Nachwuchs erkennt, dass etwas nicht stimmt, und reagiert gestresst, besonders bei Müttern.

„Nicht vor den Kindern!“ Streit, Tränen oder Zorn - sehr viele Eltern versuchen, Konflikte sowie negative Gefühle möglichst von ihren Kindern fernzuhalten. Es könnte den Nachwuchs unnötig belasten. Ob es wirklich klug ist, so zu tun, als wäre alles wie immer, haben Forscherinnen um Sara Waters von der Washington State University nun untersucht. Experimente sollten zeigen, ob und wie unterdrückte Gefühle die Interaktion zwischen Eltern und Kindern verändern.

104 Mütter und Väter mit ihren Söhnen bzw. Töchtern nahmen daran teil. Zu Beginn mussten die Elternteile einen Vortrag halten und wurden dafür von den Zuhörern offen kritisiert - diese Intervention sollte negative Gefühle hervorrufen. Danach stand Spielen mit dem Nachwuchs auf dem Programm. Gemeinsam sollte jedes Eltern-Kind-Paar einen Lego-Bausatz zusammenbauen. Die Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren erhielten die Anleitung, sie durften die Bauteile aber nicht angreifen. Das blieb den Eltern vorbehalten, diese mussten allein mit den Anweisungen der Kleinen das Spielzeug fertigstellen. Um das Projekt erfolgreich abzuschließen, war eine gute Zusammenarbeit also unbedingt notwendig.

Wechselwirkungen

Ein Teil der Mütter und Väter sollte seine getrübte Laune, so gut es ging, verbergen, der andere sich möglichst natürlich verhalten. Waters und ihre Kollegen filmten die Duos und beobachteten das Verhalten bzw. den Austausch. Außerdem waren Kinder und Erwachsene mit einer Reihe von Sensoren ausgestattet worden, die Herzschlag, Schweißproduktion etc. aufzeichneten.

Die Auswertung von Filmen und Messdaten zeigte: Jene Eltern, die versucht hatten, ihre schlechte Stimmung zu verbergen, waren als Spielpartner nicht so brauchbar, unter anderem waren sie weniger zugewandt und warmherzig als die Mütter und Väter aus der Kontrollgruppe. „Aber auch ihre Kinder waren weniger zugänglich bzw. positiv. So als würden die Eltern ihre Gefühle auf den Nachwuchs übertragen“, erklärte Waters in einer Aussendung. Vielleicht reagieren die Kinder einfach darauf, dass ihr Gegenüber nicht so entgegenkommend wirkt.

Schon frühere Studien zeigten, dass unterdrückte Gefühle negative Folgen nach sich ziehen können: In Experimenten verringerten sie das Erinnerungsvermögen. Nur an die Gefühle konnten sich die Probanden gut erinnern. Generell waren die Probanden stark auf sich selbst fokussiert. Genau diese Fokussierung könnte den sozialen Umgang erschweren, wie Waters und Co. in der aktuellen Arbeit schreiben.

Offener Umgang

Bei den Müttern in der aktuellen Studie war der negative Effekt der unterdrückten Gefühle übrigens stärker als bei Vätern. Dabei ließen sich die Frauen ihre schlechte Stimmung eigentlich weniger anmerken als die Väter in der Testgruppe, d. h., von außen betrachtet verhielten sich die Frauen fast genauso liebevoll und anteilnehmend wie Mütter, die ihre Stimmung nicht verbergen mussten. Dennoch reagierten die Kinder mehr auf die unterdrückten Gefühle der Mütter als die der Väter.

Woher die Geschlechterunterschiede kommen, lasse sich anhand der Daten nicht beurteilen, schreiben die Studienautorinnen. Frühere Studien zeigten allerdings, dass Männer ihre Gefühle generell öfter verstecken. Für die Kinder wäre dieser Fall also vielleicht einfach nicht so überraschend, mutmaßt Waters.

Kinder seien jedenfalls generell sehr gut darin, selbst subtile emotionale Signale zu lesen, so Waters. „Wenn sie spüren, dass etwas Schlimmes passiert ist, ihre Eltern aber so tun, als wäre alles wie immer, sind sie verwirrt.“ Die Forscherin empfiehlt daher, offen mit Gefühlen umzugehen und den Kindern zu erklären, warum man zornig oder traurig ist und was man tut, damit sich die Situation wieder bessert. „Dabei lernen sie, wie man mit seinen eigenen Gefühlen umgeht und wie man Probleme löst.“

Eva Obermüller, science.ORF.at

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