„Bierdiplomatie“ im alten Peru

Überreste einer präkolumbianischen Brauerei in den Anden liefern Hinweise, wie die Wari - einst eine Großmacht in den Anden - ihr Reich ausgedehnt haben. Rituelle Trinkgelage dürften die Beziehungen zu anderen Völkern in ihrem Einflussbereich gestärkt haben.

Vor etwa tausend Jahren erstreckte sich das Reich der Wari-Kultur gut 1.500 Kilometer von Süden nach Norden, über die Küstengegend des heutigen Peru. Auf dem Tafelberg von Cerra Baúl, nahe der südlichen Grenze des Wari-Reiches hoch in den Anden, liegt heute nur Staub. Aber einst war dort einer der wichtigsten Wari-Außenposten. Solche Zentren, wo die Wari administrative Gebäude, Handwerker und auch immer eine Brauerei ansiedelten, gab es überall in ihrem Einflussgebiet, wie der Archäologe und Wari-Forscher Ryan Williams vom Field Museum in Chicago erzählt. Umliegende Dörfer hätten Nahrung und Waren dorthin gebracht, wohl im Tausch gegen die vielen Dinge, die die Wari herstellten und in der Anden-Region verbreiteten – wie Obsidianmesser oder bestimmte Töpfereistile.

„Diese Wari-Zentren scheinen dafür gemacht worden zu sein, die Wari-Identität herzuzeigen. Die Wari haben aber nicht versucht, alle Völker einander gleich zu machen - es gab auch Tempel anderer Götter an solchen Orten -, sondern sie wollten die lokalen Gruppen beeindrucken und sie so zum Teil ihrer politischen Einheit machen“, erklärt Ryan Williams.

Die Forscher versuchen das antike Bier nachzubrauen

Donna Nash

Die Forscher versuchen, das antike Bier nachzubrauen

Beeindruckendes Bier

Besonders wichtig scheint bei dem ausgedehnten Reich und seinen kolonialen Außenposten das Bier gewesen zu sein, eine Variante des noch heute in Südamerika verbreiteten Chicha. Dank Experimenten mit Hilfe einer Frau aus der Anden-Region, die noch heute traditionelles Chicha brauen kann, und der chemischen Analyse von Rückständen des Wari-Chicha an Keramikgefäßen konnte man zeigen, dass die Wari-Braumeister ihr Chicha aus Mais und Molle, den Früchten des peruanischen Pfefferbaums brauten. Der Pfefferbaum ist besonders dürreresistent, und so ließ sich das Bier wohl das ganze Jahr über brauen.

Die archäologischen Funde und die Radiokarbondatierung von der Brauerei in Cerra Baúl zeigen, dass sie wohl über vierhundert Jahre lang in Betrieb war. Und zwar mit regelmäßigen Gelagen, vermutlich einmal im Monat, denn etwa solange hat es gedauert, bis das Pfefferbeerenbier gebraut war. Dazu formten die Wari ganz eigene Gefäße aus Ton: “Die Art, wie sie diese Gefäße gemacht haben, war für die Wari ideologisch wichtig. Diese Fermentationsbehälter, die als Wari-Anführer und Eliten ‚angezogen‘ waren, hatten Kopfbänder, die die Wari-Identität ausdrückten. Manchmal waren sie mit dem Muster der typischen Stoffe bemalt - und aus der Hauptstadt kennt man sogar solche mit hineingeformten Gesichtern.“

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 23.4., 13:55 Uhr.

Zu den Trinkgelagen eingeladen hat man wohl wichtige Persönlichkeiten der umliegenden Dorfgemeinden. So findet man auch Trinkgefäße der in der Gegend ansässigen Tiwanaku in den Überresten von Cerra Baúl. Und diese mussten in die Wari-Zentren pilgern, um das erfrischende Chicha zu genießen. Denn das frischgebraute Bier hielt kaum fünf Tage, bevor es schlecht wurde. So trafen sich regelmäßig Menschen aus der Umgebung und feierten eingebettet in die Welt der Wari-Kultur - mehr als zwei Wochen Fußmarsch von ihrer Hauptstadt (ebenfalls als Wari bekannt) entfernt.

Handelsposten der unbegrenzten Möglichkeiten

Handel, gemeinsame Feste und eine Reihe von landwirtschaftlichen und technologischen Neuerungen wie Bewässerungstechniken haben die Wari so in ihrem ganzen Einflussbereich verbreitet. Sie waren die dominante Kultur, haben aber eine multikulturelle Gesellschaft zugelassen und vielleicht sogar gefördert, meint Ryan Williams. Die Untersuchung an den Tongefäßen ergab zum Beispiel, dass die Braugefäße aus lokalem Ton gefertigt wurden und vermutlich die Technik der lokalen Bevölkerung zeigen. Die Identität der umliegenden Völker verschwand nicht, sondern nahm Elemente der Wari-Kultur mit auf. Es war also eher eine Vormachtstellung mit kulturellen Ideen als mit rein militärischem Anspruch.

Nachbau eines alten Bierkrugs (Ausschnitt)

Field Museum

Nachbau eines alten Bierkrugs (Ausschnitt)

Die Wari sind in anderen Teilen ihres Reiches durchaus mit brutaler Gewalt vorgegangen, sie haben auch Hinrichtungen in der Hauptstadt abgehalten, nicht aber in der Gegend von Cerra Baúl. Dorthin, meint Williams, hätten die Wari vor allem Möglichkeiten und Ideen gebracht, die die lokale Bevölkerung angenommen haben. Ohne diese hätte sich ein Außenposten auf diesem steilen Tafelberg nicht erhalten lassen – Cerra Baúl hatte nicht einmal eine eigene Wasserquelle.

Feiern bis zum Weltuntergang

Die letzte der Bierpartys fand wohl um 1050 statt – und endete unter drastischen Umständen: „Die Brauerei wurde gleich nach dem letzten Gelage niedergebrannt, sie haben alle Trinkbecher und Gefäße zerschlagen. Warum? Sie haben die gesamte Anlage verlassen, und bald darauf andere Wari-Anlagen in den Anden. Es sieht so aus, als hätten sie sich nach etwa vierhundert Jahren aus diesen Grenzgebieten komplett zurückgezogen. Das Wari-Reich brach ein paar Jahrzehnte später zusammen.“

Die Ruinen wurden mit Sand bedeckt, sodass niemand das Gebäude jemals wieder benutzen konnte. Umso besser erhalten waren die Überreste der Brauerei dann für die Archäologen des Field Museum, die seit zwei Jahrzehnten an den Ausgrabungen arbeiten. Aus der Asche des Untergangs der Wari stieg dann übrigens ein uns bekannterer Phoenix auf – die Hochkultur der Inka.

Isabella Ferenci, Ö1-Wissenschaft

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