Blutproben in einem Labor, ein Forscher greift nach einer Eprouvette
AFP – ATTA KENARE
AFP – ATTA KENARE
Coronavirus

Welche Medikamente vielversprechend sind

Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neue Coronavirus geht zwar mit großer Geschwindigkeit voran, in diesem Jahr rechnet allerdings niemand damit. Medikamente, die bei der durch das Virus ausgelösten Krankheit Covid-19 helfen, könnte es dagegen schneller geben.

Im Fokus der Forschung stehen Arzneimittel, die schon gegen eine andere Krankheit zugelassen oder bereits länger in Entwicklung sind. Sie umzufunktionieren bzw. anders einzusetzen, könnte schneller Ergebnisse liefern, als von Grund auf neue Wirkstoffe zu entwickeln. Dazu gehören neben antiviralen Medikamenten oder Wirkstoffen, die bei Lungenkrankheiten zum Einsatz kommen, auch sogenannte Immunmodulatoren.

Der Infektiologe Peter Kremsner vom Universitätsklinikum Tübingen betont aber, dass eine Wirksamkeit bei Covid-19 oder gegen das Sars-Coronavirus-2 noch bei keinem Medikament wissenschaftlich bestätigt sei. Die Studien liefen alle noch.

Aktuell etwa 95 klinische Studien

Zu den vielversprechenderen Kandidaten zählt derzeit der Immunmodulator Tocilizumab. Es könnte ein Wirkstoff sein, der die überschießende Immunreaktion des Körpers bei einer schweren Covid-19 Erkrankung dämpft, sagt die Virologin Dorothee von Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck. Eine Reaktion des Immunsystems gegen das Sars-Coronavirus-2 ist zwar erwünscht, eine zu heftige Reaktion kann allerdings zu Schäden an Organen wie der Lunge führen.

Ö1-Sendungshinweis

Über das Thema berichteten auch die Ö1-Journale, 25.5., 12:00 Uhr.

„Das ist ein Wirkstoffkandidat, der nicht am Virus ansetzt, sondern an der überschießenden Immunantwort im Wirt, im Menschen“, erklärt von Laer. Aber auch in diesem Fall müsse man die Studienergebnisse abwarten. Aktuell liefen um die 95 klinischen Studien zu Medikamenten, die bei einer Covid-19-Infektion zum Einsatz kommen könnten. Dieser Prozess sei unvergleichlich schnell angelaufen, dennoch müsse man jetzt abwarten, so die Virologin.

Im Tiermodell erfolgreich

Ein anderer Wirkstoff, der im Reagenzglas vielversprechend erscheint, ist Remdesivir. Das antivirale Medikament wurde gegen Ebola entwickelt, war dort jedoch erfolglos. Im Tierversuch konnte inzwischen allerdings gezeigt werden, dass es gegen andere Viren wirksam sein könnte, sagt die Virologin Dorothee von Laer.

„Im Mausmodell ist es gegen das klassische Sars-Virus und Mers-Coronavirus sehr effizient“, so von Laer. Es gebe auch einzelne klinische Fälle, die publiziert wurden, wo es doch erstaunliche positive Wendungen im Krankheitsverlauf gegeben habe, so die Virologin. Jetzt brauche es aber kontrollierte Studien, um das vielleicht bestätigen zu können. Ein Nachteil von Remdesivir sei, dass man es nicht in Tablettenform, sondern nur intravenös verabreichen könne. Für den Einsatz zuhause sei es eher nicht geeignet.

Gefährliche Euphorie in den USA

Das Malaria-Medikament Chloroquin sorgte in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen: Aus China und Frankreich gab es Hinweise, dass Chloroquin bzw. das verwandte Hydroychloroquin eine positive Wirkung bei Covid-19-Patientinnen und -Patienten haben könnte. Die Viruskonzentration im Rachen nehme ab. Ob das auch in der Lunge der Fall ist und die Covid-19-Erkrankung deswegen einen milderen Verlauf hat, ist allerdings noch nicht klar.

US-Präsident Donald Trump bezeichnete es dennoch als medizinischen Durchbruch und als „Geschenk Gottes“. Laut Nachrichtensender NBC nahmen einige US-Amerikaner Trump beim Wort, was zu Spitalsaufenthalten führte – zwei Patienten seien nach einer Selbstmedikation mit Chloroquin verstorben.

Von Wirkung bis Schaden, alles drin

Peter Kremsner, der Direktor des Instituts für Reisemedizin, Tropenmedizin und Humanparasitologie am Universitätsklinikum Tübingen, warnt deswegen vor voreiliger Euphorie wie jener Donald Trumps. Sein Institut ist derzeit selbst an einer Studie zur Wirksamkeit von Hydroychloroquin bei Covid-19 beteiligt.

Die In-Vitro-Daten mit Hydroxychloroquin, also Ergebnisse aus dem Labor, seien vielversprechend, so Kremsner. Es gebe auch Hinweise, dass es indirekt positiv wirken auf Covid-19 wirken könnte, im Sinn einer präventiven Medikation. „Aber die Studien stehen erst am Anfang, deswegen ist alles drinnen“, betont der Infektiologe. Auch kein Effekt, bis hin zu einem Schaden für die Patientinnen und Patienten sei alles möglich.

Aufruf zur Zusammenarbeit

Vereinzelte Hinweise würden den Off-Label-Use von Medikamenten, also den zweckentfremdeten Einsatz der Wirkstoffe, nicht rechtfertigen, sagt Kremsner. „Wir wollen zwar Nutzen anrichten, aber können auch Schaden anrichten, mit der Gabe von Medikamenten, bei denen wir den eigentlichen Effekt noch nicht kennen“, so der Arzt. Deswegen gelte es jetzt, die Ergebnisse größerer klinischer Studien abzuwarten.

Die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) appelliert an Pharmaunternehmen und Spitäler bei den Medikamentenstudien international zusammenzuarbeiten. So sollen die Studien größer werden, es soll Kontrollgruppen geben und die Patientinnen und Patienten sollen dem Zufallsprinzip folgend, den Testgruppen bzw. der Kontrollgruppe zugeteilt werden. So möchte man möglichst schnell zu aussagekräftigen Ergebnissen und einsatzbereiten Therapien kommen.