Menschen in Schutzanzügen desinfizieren Einkaufszentrum in China
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Luft desinfizieren wenig sinnvoll

Das Coronavirus regt den Erfindergeist an. Mit Hochdruck wird an einer Impfung und Medikamenten geforscht, eine österreichische Firma möchte sogar die Luft desinfizieren. Das ist aber nicht ohne Weiteres umsetzbar und wenig sinnvoll, meinen dazu Experten und Expertinnen.

Medienberichten zufolge soll das Desinfektionsmittel einer burgenländischen Firma in Räumen vernebelt oder sogar mit einem Luftbefeuchter verteilt werden können, um damit auch in der Luft schwebende Viren unschädlich zu machen. Einsetzen könne man das Mittel in Klassenräumen, Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zu Büros, heißt es.

Ist die Luft ansteckend?

Dabei muss man vorausschicken, dass nach jetzigem Wissensstand nicht alle Fragen rund um die Ansteckung geklärt sind. Aktuell wird angenommen, dass das Virus hauptsächlich über Tröpfchen weitergegeben wird. Das heißt, jemand niest oder hustet virusbeladene Tröpfchen aus. Diese landen in der Nase, dem Mund oder den Augen eines anderen, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Das Gute ist: Diese Tröpfchen sind meist groß und sinken deshalb schneller zu Boden. Hält man also ausreichend Abstand und achtet darauf, dass man in die Ellenbeuge niest und hustet, sinkt das Risiko, die andere Person auf diese Weise zu infizieren.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in den Ö1-Journalen: 20.4., 12 Uhr.

Manche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen halten es aber darüber hinaus für möglich, dass das neuartige Coronavirus auch über viel kleinere Tröpfchen übertragen werden könnte, die wir beispielsweise beim Sprechen, Lachen oder beim bloßen Atmen produzieren. Da die Atem- und Sprech-Teilchen kleiner und leichter sind, sinken sie langsamer zu Boden. Wie lange sie in der Luft sind, ist unklar. Auch wie lange diese Tröpfchen und Aerosole in der Luft ansteckend sind bzw. ob die Virenmenge auf diesen Teilchen überhaupt ausreicht, um jemanden zu infizieren, kann noch nicht beantwortet werden.

Ordentlich Lüften senkt Ansteckungsrisiko

Die Hygienikerin Miranda Suchomel von der Medizinischen Universität Wien hält hierbei aber grundsätzlich fest: „Wenn ich auf der Straße gehe oder in einem Raum einen Luftaustausch habe, weil ich Fenster aufmachen und gut Lüften kann, dann hält sich das Virus dort nicht in der Luft und wartet quasi darauf, dass ich mit meinen Schleimhäuten vorbeigehe. Sondern es wird zu Boden sinken oder sich ganz schnell verdünnen in dem Raum.“

Kino in China wird desinfiziert
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In China wurden viele Innenräume desinfiziert, hier ein Kinosaal

Auch im Supermarkt, wo die Luft im großen Raum verwirbelt wird oder in einer Straßenbahn, in der die Fenster geöffnet sind bzw. die Türen bei jeder Haltestelle aufgehen, sei eine Infektion bloß über in der Luft schwebende Mikrotröpfchen eher unwahrscheinlich, so Suchomel. „Falls in einem Raum tatsächlich Viren in diesen Unmengen vorhanden wären, ist das sofort verdünnt mit einer ausreichenden Lüftung. Da braucht man sich überhaupt keine Sorgen machen.“

Hält man sich hingegen lange in einem engen Raum ohne Luftzirkulation mit infizierten Menschen auf, „dann wird die Luft irgendwann mit diesen Atemaerosolen genug angereichert sein und es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass man sich eher infiziert.“

Luft desinfizieren: Was es zu bedenken gibt

Die Luft zu desinfizieren, wäre laut Suchomel aber auch in diesem Fall nicht die Lösung. Will man nämlich mangels Luftströmung die Raumluft chemisch entkeimen, um eine mögliche Übertragung über die Atemluft auszuschließen, müsste man das Desinfektionsmittel permanent versprühen, wenn sich Menschen in dem Raum befinden. „Mir fällt akut keine Chemikalie ein, die eine Desinfektionswirkung hat und gleichzeitig gesund genug ist, dass man damit permanent die Raumluft desinfizieren kann.“

Bei Desinfektionen sei zudem immer das Vorsorgeprinzip anzuwenden, ergänzt der Biologe Christoph Zutz vom Umweltbundesamt. „Demnach ist eine Exposition der Atemwege mit hochreaktiven Stoffen immer einzuschränken. Das heißt, man soll wirklich davon absehen, in diesen Räumen zu sein, während einer Desinfektion.“

„Raumluftdesinfektion ist komplex“

Allgemein gilt eine Raumluftdesinfektion zudem als wesentlich komplexer als die Behandlung von Oberflächen. „Einerseits ist die Anwendungsdauer oft länger. Zudem absorbieren Polstermöbel oder Matratzen das Desinfektionsmittel. Dadurch ist keine vollständige Durchwirkung des Raumvolumes möglich bzw. muss man je nach Raumgröße und Luftströme die Konzentration und auch Applikationsmenge erhöhen.“ Das würde eine Echtzeitdesinfektion erschweren.

Unabhängig von möglichen Gesundheitsschäden und unklarem Nutzen, sieht Miranda Suchomel noch eine weitere Gefahr. Desinfiziert man die Luft in Räumen, könnten sich Menschen in falscher Sicherheit wiegen und auf die grundsätzlichen Schutzmaßnahmen vergessen. Selbst in einem desinfizierten Raum würde sich aber nichts daran ändern, dass man in erster Linie zu anderen ausreichend Abstand hält, in die Ellenbeuge niest und hustet und sich regelmäßig die Hände wäscht, um sich und andere nicht zu infizieren.