Pagode Westsee in Hangzhou
AFP/NOEL CELIS
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Forscherinnenalltag

Eine Tierforscherin in China

Für ihre Arbeit lassen viele Forscher und Forscherinnen ihre Heimat weit hinter sich, so wie die Österreicherin Teresa Valencak. Die Tierbiologin arbeitet an der chinesischen Zhejiang Universität. Wie sie die Maßnahmen der vergangenen Monate im Kampf gegen das Coronavirus erlebt hat, beschreibt sie in einem Gastbeitrag.

Teresa G. Valencak
privat

Teresa G. Valencak arbeitet als einzige International Professor am College of Animal Sciences der drittgrößten Universität Chinas, der Zhejiang University.

Wir sind am großen bzw. Hauptcampus (neben sechs weiteren) beheimatet, nordwestlich der wichtigsten Sehenswürdigkeit von Hangzhou, dem Westsee.

Hangzhou hatte seine Blütezeit im Mittelalter und so ist die Song Dynastie bzw. der Philosoph Su Shi gleichermaßen präsent wie Marco Polo, der von Hangzhou sagte, sie sei die „schönste Stadt der Welt“. Hangzhou ist berühmt für Seide sowie den Drachenbrunnentee, einen sehr zarten Grüntee, der aufgrund der umfangreichen Niederschlagsmengen und des milden Winters bereits ab März geerntet werden kann.

Zutritt mit Barcodes

Die Coronavirus-Krise traf uns mitten in den Ferien zum chinesischen Neujahrsfest ab dem 25.1.2020. Alle Veranstaltungen, auf die ich mich als „Zugereiste“ gefreut hatte, wurden abgesagt, vielmehr wurde das geschäftige Leben in China, die Zustellungen, der Verkehr, einfach das gesamte Treiben für etwa zwei bis drei Wochen eingefroren.

Seit Anfang Februar trägt man täglich vor 11 Uhr mittels einer Handy- App der Zhejiang Universität den eigenen Gesundheitsstatus sowie mit der GPS Funktion am Handy, den Ort, wo man sich befindet, ein, und ab Anfang März erhielt man auf Basis der so erhobenen Daten den heiß begehrten blauen Barcode, um an den Campus zur Arbeit zurück kehren zu können. Zur Benützung der U-Bahn, zum Einkaufen in den Geschäften sowie überall sonst außerhalb der Wohnung sind nach wie vor neben der Infrarot-Körpertemperaturmessung auch das Herzeigen des grünen Barcodes für Einwohner der Stadt Hangzhou gefordert. Diesen erhielt man ebenso durch Einhalten der Ausgangssperren für gut zwei Wochen bzw. Kontrolle dessen durch eine App.

Verhandlung um Ausgänge

Anfang Februar war das Ausgehverbot für gut zwei Wochen sehr strikt. Mit Überzeugungskraft, Verhandlungsgeschick und meiner austrianisierten Aussprache der äußerst komplexen chinesischen Sprache gelang es mir, mit dem Management meines Wohnblocks, drei Ausgänge täglich mit meiner Hündin im Bereich der Wohnhausanlage auszuhandeln.

Chinesischer Barcode für Gesundheitscheck
Teresa G. Valencak
Grüner Barcode

Zu diesem Zeitpunkt gab es eine strenge Maskenpflicht. Zahlreiche Straßensperren verhinderten das Fortkommen und Essen wurde (wiederum per Handy App bestellt) an das Tor des Wohnblocks zugestellt und konnte dort abgeholt werden. Gespenstisch war das Fehlen des Autolärms und Hupens. Dafür realisierte ich Vogelgezwitscher und das Erwachen des Frühlings Anfang Februar und genoss, dass die Luft sich verbesserte.

Privilegierte Situation

Als Wissenschaftlerin hat das Coronavirus zwar meinen Alltag in den vergangenen Monaten verändert, ich habe aber keine schlimmen Auswirkungen gespürt. Die universitäre Lehre wurde ab ca. Ende Februar wieder aufgenommen und auf online umgestellt, die meisten Besprechungen auf nur einige wenige Personen beschränkt oder abgesagt. Internationale Kongresse wurden genauso abgesagt wie Besuche von Gästen und Freunden, da es zurzeit einen totalen Einreisestop für Ausländer gibt und auch nur sehr eingeschränkte Flugverbindungen.

Ich gehöre jedoch zu einer sehr privilegierten Personengruppe, die ihren Job behielt, deren Lohn monatlich ausbezahlt wird, und die auch in naher Zukunft wieder ihre Forschungsarbeiten in vollem Umfang aufnehmen können wird. Alle Einreichfristen für Fördermöglichkeiten bzw. Ausschreibungen wurden verlängert. Seit April sind auch die „graduate students“ wieder an die Universität zurückgekehrt, um ihre Doktorarbeiten etc. bestmöglich abschließen zu können. Auch die Schulen sind wieder geöffnet.

Sehenswürdigkeiten gratis

Da ich während der Ausgangssperren die Zeit und Ruhe für das Verfassen von Publikationen nutzen konnte, habe ich auf den ersten Blick – trotz Isolation in Südostchina – die absolute „soft version“ der Covid-19- Krise durchlebt. Meine Gedanken gehören daher allen, die durch die Pandemie existentiell in schwere Not geraten. Hier in China ist man überzeugt, dass es ab Spätsommer/Herbst heuer einen Impfstoff gegen Covid-19 geben wird.

Außer zwei kleinen Zwischenfällen, in denen ich als Ausländerin im Verdacht stand, das Virus nach China (erneut) einzuschleppen, begegnen mir alle wie immer freundlich. Ich sehe oft tagelang keinen „Expat“, denn viele sind durch die Krise nicht in China im Moment. Auch konnten jene, die zu Neujahr ins Ausland geflogen sind, nur eingeschränkt wieder in ihren Job zurückkehren bzw. mussten sich in Quarantäne in Hotels der Regierung begeben, bevor sie einen grünen Barcode erhielten.

Covid-19 hat China, auch wenn jetzt alles gut überstanden scheint, hart getroffen. Üblicherweise spült in Hangzhou der Inlandstourismus Tausende Yuan in die städtischen Kassen, zurzeit kann man jedoch am Westsee gemütlich lustwandeln, die Sehenswürdigkeiten sind kaum besucht. Die Stadtregierung hatte daher bis zum 1. Mai alle Eintritte aufgehoben, um Besucher an zu locken. Der grüne Barcode, eine Maske, normale Körpertemperatur genügen und schon lässt sich jede Pagode ohne übliches Gedrängel erklimmen.