Bau des Senders Bisamberg, Aufbau der technischen Anlagen
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Mediengeschichte

Radio im Österreich der Nachkriegszeit

1955 hat das erste Programm des Österreichischen Rundfunks seinen Betrieb aufgenommen. Bis dahin war es ein weiter Weg: Zensur und propagandistische Zwangsbeglückung standen in der Besatzungszeit an der Tagesordnung – doch in den Freiräumen formierten sich Stimmen der Unabhängigkeit.

Am 27. April 1945 wird die Unabhängigkeitserklärung Österreichs verkündet.

Die im Radio verlautbarte Unabhängigkeitserklärung Österreichs – eine nachträglich gelesene Fassung. Wahrscheinlich gelesen vom Schauspieler Hans Holt:

Sie markiert den offiziellen Beginn der Zweiten Republik. Wien und Teile Ostösterreichs sind bereits durch die sowjetische Armee vom Nationalsozialismus befreit. Doch im Westen Österreichs ist der Zweite Weltkrieg noch nicht zu Ende. Mit dem offiziellen Kriegsende in Europa am 8. bzw. 9. Mai beginnt die Nachkriegszeit in Österreich – eine Phase des Neuanfangs und Strukturwandels – auch im Rundfunk.

Am 9. Juli 1945 werden Österreich und Wien von den Alliierten in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Auch der Rundfunk wird in vier Sendergruppen aufgefächert und somit, im Gegensatz zur Situation in der Ersten Republik, dezentralisiert.

Versuche der Bundesregierung, den Rundfunk zu vereinheitlichen und unter staatlicher Führung zentralistisch zu organisieren, scheitern. Zu wichtig ist das Medium für die alliierten Besatzer. Vor allem vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und den USA.

Rundfunkmikrophon im Aufnahmestudio des Senders ‚Rot-Weiß-Rot‘ in Salzburg: Schauspieler sprechen ihre Rolle in Goethes „Faust“. Adrienne Gessner.
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Aufnahmestudio des Senders „Rot-Weiß-Rot“ in Salzburg, 1947

Durch die sich verschärfende Situation gerät auch die Entnazifizierung in Österreich ins Stocken. 1948 tritt eine Amnestie für Minderbelastete in Kraft. Somit gelten ca. 90 Prozent der ehemaligen Nationalsozialisten als unbehelligt. Im Pressewesen beträgt die personelle Kontinuität derer, die auch in nationalsozialistischen Medien tätig waren, über ein Drittel. Diese Kontinuität spiegelt sich auch im Rundfunk wider. Oft ist es, vor allem den Westalliierten, schlicht egal, welche Rolle Personen im Nationalsozialismus innehatten. So können diese in den Sendergruppen der Westalliierten ungehindert weiterwirken und Karriere machen.

Das Besatzungsradio

Besatzungsradio klingt nicht überall gleich im besetzten Österreich. Die totalitär-stalinistische Sowjetunion setzt auf Einflussnahme durch strenge Zensur und das Format „Russische Stunde“. Dabei soll den Menschen die eigene Mentalität indoktriniert werden.
Die Herangehensweise der westlichen Alliierten ist da schon dezenter. Die Strategie ist es, das österreichische Personal zu lenken und gemeinsam mit ihm Programm zu gestalten. So soll durch „Umerziehung“ eine Demokratisierung der Rundfunkschaffenden und Rundfunkhörenden erfolgen – nach westlichem Vorbild.
Eines haben alle Besatzungsradios gemeinsam: Die Möglichkeit einer Nachzensurierung bis 1953.

„Sendergruppe West“

In der französischen Zone werden die Sender Innsbruck und Dornbirn zur „Sendergruppe West“ zusammengefasst. Die Sendergruppe wird am 5. September offiziell begründet.

Reina Welpe war Programmsekretärin im Studio Dornbirn. Sie erinnert sich an die Anfangszeit direkt nach dem Krieg:

In Tirol wird zunächst über den Sender Aldrans provisorisch gesendet. Dann wird ein Studio in Innsbruck eingerichtet. Die Hauptstelle bleibt aber Dornbirn. Das Programm kam Tag für Tag abwechseln aus Dornbirn oder Innsbruck.

Die französische Besatzungsmacht lässt den Rundfunkschaffenden viele Freiheiten. Sie behält sich lediglich pro forma die Kontrolle des gesprochenen Wortes vor, beharrt auf täglichen Nachrichten in französischer Sprache für die französischen Soldaten und auf die Übernahme eines Programmfensters aus Paris. Die Verwaltung der Sendergruppe West wird bereits im November 1946 den Landesregierungen von Tirol und Vorarlberg formell übergeben.

Hilde Knebel, Mitarbeiterin im Sender Tirol, erinnert sich an die französischen Besatzer:

Arthur Schuschnigg, der Bruder des früheren Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg, wird Programmdirektor von Radio Tirol:

Die französische Programmzensur bleibt aufrecht. In der Literaturabteilung des damaligen Senders Innsbruck wachsen Talente wie Ernst Grissemann oder Axel Corti heran.

Die Ansage des Weihnachts-Hörspiels „Mohrenlegende“, von Gertrud Fussenegger, gesendet live am 23. Dezember 1953. Am Wort ist Gert Rydl:

„Sendergruppe Alpenland“

Am 31. August 1945 entsteht durch den Zusammenschluss der Sender Graz und Klagenfurt das britische Besatzungsradio „Sendergruppe Alpenland“. Graz ist das Sendezentrum.

Ein kurzer Ausschnitt der Silvesterübertragung des Jahres 1945:

Alpenland nimmt am 1. März 1948 zusätzlich den Sender „Schönbrunn“ in Wien in Betrieb. Auch die britischen Besatzer lassen den Rundfunkschaffenden viele Freiheiten. Offiziell besteht Zensur und es gibt Programmfenster in englischer Sprache. Auch dem Sender Alpenland werden großzügige Freiheiten eingeräumt, sodass er recht unabhängig sein Programm selbst gestalten kann.

Der Reporter Josef Dörflinger kommt Ende 1945 zum Sender Klagenfurt. Er erinnert sich an die Anfangszeit:

Der Politiker und Schriftsteller Otto Hofmann Wellenhof war ab 1947 Leiter der Literaturabteilung im Sender Graz. Auch er empfand die Arbeitsbedingungen unter den britischen Besatzern als recht komfortabel:

Neben den zivilen Sendern betreiben die Engländer zusätzlich das Soldatenradio „British Forces Network“, kurz BFN.

1946 sucht die Sendergruppe einen begabten Jungsportreporter. Ein gewisser Eduard Finger stellt sich dem Auswahlverfahren. Damit beginnt die 42-jährige Sportreporterkarriere von Edi Finger Senior.

Ein Ausschnitt aus dem Länderspiel Österreich gegen Schottland vom 13. Dezember 1950. Am Mikrophon Edi Finger Senior aus Glasgow:

„Rot-Weiß-Rot“

Die US-Amerikaner bereiten in der Sektion Rundfunk der „Psychological Warfare Branch“ bereits während des Krieges ihre Rundfunkpräsenz vor. Die Sender Salzburg und Linz begründen den Sender „Rot-Weiß-Rot“. Am 6. Juni 1945 geht er offiziell in Betrieb. Salzburg ist die Hauptstelle.

Studio Wien des Senders ‚Rot-Weiß-Rot‘: Politische Diskussionsreihe „Im Scheinwerferlicht“ wird aufgenommen und übertragen. Von links nach rechts, um den Mikrophon-tisch sitzend: Otto Basil, Peter Weiser, Piero Rismondo. 7. 5. 1954.
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Studio Wien des Senders „Rot-Weiß-Rot“: Die Politische Diskussionsreihe „Im Scheinwerferlicht“ wird aufgenommen und übertragen.

Der Deutsch-Amerikaner Hans Cohrssen, er war der erste Leiter von „Rot-Weiß-Rot“, blickt auf seine Mission zurück.

Ein erster Coup ist die live-Übertragung der Salzburger Festspiele. Doch anfänglich gibt es auch Rückschläge. Die Sendereihe „Die Stimme Amerikas“ etwa wird vom Publikum mit Skepsis aufgenommen und selten gehört. Zu augenscheinlich sind die propagandistischen Botschaften. Die Sendungsentwickler lassen sich darauf „neutrale“ Formate einfallen. Heinz Conrads in der Sendung „Was gibt es Neues?“ oder „Die große Chance“ mit Maxi Böhm entsprechen da schon mehr dem Geschmack des Publikums.

Heinz Conrads legendäre Begrüßung in der Sendung „Was gibt es Neues?“

"Rot-Weiß-Rot“ errichtet am 25. Oktober 1946 einen Sender in Wien. Ein Erfolgsformat des Senders war beispielsweise „Unsere Radiofamilie“. Am Leben und Alltag der Familienmitglieder Floriani teilzuhaben und mitfiebern zu können ist, neben der Starbesetzung, das Erfolgsprinzip der Seifenoper.

Signation der Sendung „Unsere Radiofamilie“:

Ein weiterer Sender, der von den US-Amerikanern bis 1955 betrieben wird, ist der bereits anfangs erwähnte Soldatensender „Blue Danube Network“, kurz BDN.

Ab 1946 war der Opernkenner und -Kritiker Marcel Prawy darin drei Mal pro Woche als Deutschlehrer zu hören. Eigentlich nur für die US-GIs konzipiert, findet der Sender auf Grund seines modernen und abwechslungsreichen Musikprogramms großen Anklang bei der österreichischen Jugend. Sendungen wie beispielsweise „Cool Corner“ oder „Swing Time“ versprühen den „american way of life“ in Österreich.

Zwei Ausschnitte aus den Sendungen „Cool Corner“ und „Swing Time“:

„Radio Wien“

In der Bundeshauptstadt feiert Radio Wien am 27. April 1945, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, seine Auferstehung. Das bekannte Pausenzeichen der Radio Verkehrs AG, kurz RAVAG, aus der Ersten Republik ertönt wieder durch den Äther.

Pausenzeichen und Kennung von Radio Wien mit Beschreibung des Charakteristikums:

Der Sender steht unter sowjetischer Kontrolle und kann in der russischen Besatzungszone, also in Wien, Niederösterreich und dem nördlichen Teil Burgenlands, empfangen werden. Radio Wien ist offiziell der Bundesregierung unterstellt und wird vom „Öffentlichen Verwalter für das österreichische Rundspruchwesen“ geleitet. Von der Bevölkerung wir der Sender trotzdem „Russensender“ genannt.

Oskar Czeija, der Gründervater und Generaldirektor der RAVAG in der Ersten Republik, wird zum Verwalter berufen. Die RAVAG dient als Sprachrohr der Bundesregierung. Alle offiziellen Erklärungen werden über sie verlautbart. Gleichzeitig liegt die Aufgabe darin, der sowjetischen Zensur Stand zu halten.

Die Autorin und Rundfunkredakteurin Inge Maria Grimm erinnert sich an ihre Aufgabe, Suchmeldungen von österreichischen Kriegsgefangenen im Radio zu verlesen:

Oskar Czeija fällt bald politisch in Ungnade und wird am 17. November 1945 durch Siegmund Guggenberger ersetzt. Die Aufgabe ist alles andere als leicht. Einerseits gilt es, die Situation mit den sowjetischen Besatzern zu managen, jede Wortmeldung muss genehmigt werden und von der Kommandantur werden immer wieder Ultimaten gestellt – bei nicht Einhaltung droht Sibirien.

Die Tochter von Siegmund Guggenberger erinnert sich an die schwierigen Bedingungen:

Andererseits ist Radio Wien ein sehr komplexer Apparat. Der Rundfunk wird von der Regierung verschiedenen Ministerien unterstellt. Dadurch ist es schwierig, dringliche Anliegen rasch umzusetzen. Oft hilft nur der direkte Weg zum Bundeskanzler. Auf sowjetische Anordnung wird die Propagandasendung „Russische Stunde“ eingeführt.

Signation der Morgensendung der “Russischen Stunde":

Im Rahmen der Sendung werden politische Reden, politische Musik, aber auch Volksmusik, Klassik und Unterhaltungsmusik ausgestrahlt wurden. Es wird berichtet, dass die meisten österreichischen Hörerinnen und Hörer beim Erklingen der Kennmelodie der „Russischen Stunde“ die Frequenz wechseln.

Der Weg zum Österreichischen Rundfunk

Die Menschen sehnen sich nach einem unabhängigen Neuanfang in Österreich, sie träumen von der Freiheit. Dementsprechend ist es ein Spektakel als am 27. April 1953, im gerade wiedereröffneten Stephansdom, die Pummerin zum ersten Mal erklingt.

Der Reporter Hans Wuschko berichtet live von den ersten Glockenschlägen der Pummerin:

Die Pummerin wird auch die „Stimme Österreichs“ genannt und ist in ganz Österreich zu hören – über das Radio.

Die Sehnsucht nach einem eigenständigen österreichischen Rundfunk wächst. Bemühungen zumindest gemeinsame Programmteile zu gestalten gibt es seit Anfang an. Ein Beispiel dafür war das Format „Stunde der Alliierten“. Die Sendung wird 4. November 1945 eingeführt, verschwindet aber auf Grund der Uneinigkeiten unter den Alliierten wieder recht schnell aus dem Programm.

Nach mehreren Anläufen werden Rundsendungen ins Leben gerufen, Kooperationen entstehen. Eine Station produziert und die anderen übernehmen das Programm in einem Programmfenster. Beispiele hierfür sind die bereits erwähnten Salzburger Festspiele oder Volkskundesendungen aus den unterschiedlichen Bundesländern.

Festspielhaus Slazburg, 1945: Orchesterkonzert des Mozarteum-Orchesters unter dem Dirigenten Eugen Jochum.
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Festspielhaus Salzburg, 1945: Orchesterkonzert unter dem Dirigenten Eugen Jochum.

Am 1. Juni 1949 wird der sogenannte „Investitionsschilling“ eingeführt. 1 Schilling der S 4,50 Rundfunkgebühr wird einer Art Fonds zugeführt. Damit soll die finanzielle Grundlage für einen systematischen Ausbau der technischen Infrastruktur für einen einheitlichen österreichischen Rundfunk geschaffen werden. 1951 wird diese Abgabe auf S 1,50 angehoben.

Am 19. Mai 1952 bekommt die öffentliche Verwaltung des Rundfunks den Namenszusatz „Österreichischer Rundfunk“. Der Sitz wird vom Funkhaus in Wien, das sich in der sowjetischen Zone befindet, in die Singrienergasse in die britische Besatzungszone verlegt. Im November 1953 kappt die Bundesregierung die russische Zensur der Sendungen. Alfons Übelhör löst am 15. Februar 1954 Siegmund Guggenberger als öffentlichen Verwalter ab. Im Laufe des Jahres übergeben die Briten ihre Sender der öffentlichen Verwaltung.

Am 15. März übergeben die US-Amerikaner den Sender „Rot-Weiß-Rot“, jedoch nur leihweise, und sendet bis zum 26. Juli 1955 weiter. An diesem Tag wird ebenfalls die „Russische Stunde“ eingestellt. Die Franzosen übergeben am 1. Dezember 1954 endgültig die „Sendergruppe West“.

Mit dem Inkrafttreten des österreichischen Staatsvertrags am 27. Juli 1955 werden alle Radiosender offiziell zu einem österreichischen Rundfunk zusammengefasst.

Radioansprache vom 28. Juli 1955:

Am 28. Juli 1955 startet das erste Programm des Österreichischen Rundfunks seinen Betrieb. Als Sprachrohr in die weite Welt geht der Kurzwellensender „Radio Österreich International“ on air.

Zwei Jahre später wird am 11. Dezember 1957 die Österreichische Rundfunk Gesellschaft, der direkte Vorgänger des heutigen ORF, konstituiert.

Generaldirektor Oskar Cejka spricht am 11. Dezember 1957, anlässlich der Konstituierung der Österreichischen Rundfunk Gesellschaft, übers Radio: