Blick in die Infektionsabteilung und Isolierstation im Kaiser-Franz-Josef-Spital.
APA/HELMUT FOHRINGER
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„Ganzer Organismus wird schwer krank“

37 Intensivbetten sind derzeit in Österreich mit Covid-19-Patienten belegt (Stand 20.5., 12 Uhr). Beim Höhepunkt am 8. April waren es 267. Dass Covid-19 keine reine Lungenerkrankung ist, ist nur eine der Lehren, die man in der Intensivmedizin gezogen hat.

Die Lunge sei nur das erste betroffene Organ, so Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), im Interview für den Ö1 Corona-Podcast. „Auch das Blutgerinnungs- und Gefäßsystem sind schwer betroffen, in weiterer Folge leiden unterschiedlichste Organe. Das kann dann zu schweren Verläufen führen, die eine Betreuung auf der Intensivstation brauchen.“

Der Grund für diese Kaskade: Das Virus vermindert die Durchblutung der Lunge. Je weniger Blut die Lunge durchfließt, desto weniger Sauerstoff wird in den restlichen Körper transportiert, andere Organe werden unterversorgt und leiden.

Lange Zeit in Intensivstation

Bei anderen Erkrankungen bleibt ein Patient oder eine Patientin in Österreich durchschnittlich zwischen fünf und sieben Tagen in einer Intensivstation. Bei Menschen mit schwerem Covid-19 „sprechen wir von mehreren Wochen“, so Klaus Markstaller. Vor allem die Erholung der Atemorgane dauert sehr lange: „Die Menschen brauchen viel Zeit, um vom Beatmungsgerät loszukommen und einen ausreichenden Gasaustausch, also eine Sauerstoffaufnahme über die Lunge, zu schaffen.“

Auch zum Verlauf der Krankheit habe man in den letzten Wochen dazu gelernt, zum Beispiel, sich nicht zu früh über eine Besserung zu freuen. Klaus Markstaller schildert Berichte, die aus vielen Intensivstationen in Österreich gekommen seien: „Ein Patient wird aufgenommen, bekommt Sauerstoff, es geht ihm besser. Man ist gedanklich schon dabei, ihn nach Hause zu entlassen. Plötzlich verschlechtert sich dann der Zustand relativ stark, der Patient muss auf der Intensivstation aufgenommen werden.“

Offene Fragen, fehlende Zahlen

Trotz der Lehren der vergangenen Wochen gibt es bei Covid-19 nach wie vor ungelöste Rätsel. So ist etwa ungeklärt, warum in Einzelfällen auch junge und fitte Menschen schwer erkranken. Das Immunsystem könnte zu heftig auf das Virus reagieren, so die Hypothese. „Warum und bei welchen Menschen genau das Immunsystem überreagiert, das wissen wir nicht.“

Ebenso ist unklar, warum mehr Männer als Frauen schwer erkranken und sterben. Und noch eine Leerstelle in der Covid-19-Epidemie gibt es: Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Menschen in Österreich seit März eine intensivmedizinische Betreuung gebraucht haben. Eine Anfrage an das Gesundheitsministerium blieb unbeantwortet, seitens der „Gesundheit Österreich“, die im Auftrag des Ministeriums Zahlen zum heimischen Gesundheitssystem erhebt, heißt es: Die Auswertung des epidemiologischen Meldesystems werde noch qualitätsgesichert, deshalb gebe es „hierzu noch keine verbindliche Auskunft“.

Klaus Markstaller sagt auf Basis der Erfahrungen in den Intensivstationen: „Glücklicherweise erkranken nur wenige Menschen sehr schwer, unter den Patienten in den Intensivstationen ist die Sterblichkeit aber hoch.“ Genaue Zahl hat auch er keine, schätzt aber den Wert auf 40 bis 50 Prozent. Mit Blick auf die letzten Wochen zieht der Intensivmediziner deshalb im Podcast-Interview das Fazit: Covid-19 sei und bleibe eine gefährliche Erkrankung. Deshalb müsse man die Infektionszahlen im Auge behalten und vor allem Menschen mit Vorerkrankungen davor schützen.