Mutter hilft Kind beim Aufsetzen einer Nasen-Mund-Gesichtsmaske
APA/AFP/Desiree Martin
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Zwischenbilanz

„Das haben wir Virologen noch nicht gesehen“

Vor elf Wochen wurde das öffentliche Leben in Österreich stillgelegt. Seither hat man viel über das neuartige Coronavirus gelernt. Heute weiß man, dass es keine einheitliche Symptomatik der Erkrankung gibt. Die Rolle von Kindern hat auch Virologen überrascht.

„Bisher galt: Wenn ein neues Pandemie-Virus auftaucht, verbreitet es sich massiv über die Kinder. Sie erkranken besonders häufig und geben den Erreger an ihre Umgebung weiter“, sagt die Virologin Monika Redlberger-Fritz im Interview für die vorläufig letzte Folge des Ö1 Corona-Podcasts. „Dass das neuartige Coronavirus großteils Erwachsene infiziert und eben nicht Kinder, das ist ungewöhnlich. Das haben wir Virologen so noch nicht gesehen.“

Wenn Kinder – seltener als Erwachsene, aber doch – erkranken, können sie auch Virus ausscheiden und damit andere anstecken. Wie oft das tatsächlich beispielsweise in Schulen, Kindergärten und Familien der Fall ist, müsse noch erforscht werden. „Das ist eine von mehreren offenen Fragen, die wir auch heute noch sehen“, so die Virologin.

Breites klinisches Spektrum

Bei einigen Unsicherheiten, die Mitte März noch bestanden, habe man dazu gelernt, zum Beispiel bei der Symptomatik einer Infektion: Im März heißt es noch, an Fieber, Husten, Atemnot, also den typischen Anzeichen einer Lungenentzündung lasse sich die Erkrankung erkennen. „Es hat sich bald herausgestellt, dass das klinische Spektrum von Covid-19 wesentlich breiter ist“, so Redlberger-Fritz. „Viele, nicht alle, schmecken und riechen schlechter. Manche haben nur ein Schwächegefühl und extreme Müdigkeit, einige haben kein Fieber, andere sehr hohes Fieber. Und manche erkranken schwer, müssen ins Krankenhaus aufgenommen und intensivmedizinisch betreut werden.“

Ö1 Sendungshinweis:

Eine Bilanz der letzten Wochen aus virologischer Sicht zieht auch das Mittagsjournal am 2.6.2020 und die neue Folge des Ö1-Podcast zum Coronavirus.

Auch bei der Ansteckung weiß man heute mehr: „Der Hauptweg der Ansteckung ist eindeutig die Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch. Das höchste Risiko besteht, wenn jemand beim Husten oder Niesen Tröpfchen produziert und sie dann vom anderen eingeatmet werden. Dafür ist wiederum das Risiko in dicht gedrängten Innenräumen am größten.“ Abstand halten und ein Mund-Nasen-Schutz, wo Menschen aus verschiedenen Haushalten nahe zusammenkommen, diese Maßnahmen hält die Virologin aus medizinischer Sicht weiterhin für sinnvoll. Schmierinfektionen, also der Kontakt mit dem Virus durch das Angreifen von Oberflächen, auf denen der Erreger sitzt, spielen hingegen bei Sars-Coronavirus-2 eine geringere Rolle als etwa bei Schnupfen- und Influenzaviren.

Schnelle Tests und Eigenverantwortung

Auch in den nächsten Wochen und Monaten müsse man die Infektionszahlen im Auge behalten. „Solange es so wenige Fälle wie derzeit gibt, kann man Infektionsketten schnell unterbrechen“, so Redlberger-Fritz im Podcast-Interview. Dafür brauche es zwei Voraussetzungen: Verdachtsfälle müssen schnell getestet werden. Und die Virologin appelliert auch an die Eigenverantwortung: „Es ist sehr wichtig, dass Menschen auch mit milden Symptomen zuhause bleiben. Sie dürfen nicht in die Arbeit oder zu Freunden gehen, weil sie sich nicht so schlecht fühlen.“

Nur wenn die Bevölkerung weiterhin diese Grundregel in Kombination mit Abstand und Hygiene beherzigt, bleibe die Situation stabil. Grundsätzlich ist die Forscherin aber zuversichtlich, denn noch einmal mit Blick auf die Zeit seit März sagt Monika Redlberger-Fritz: „Es hat mich sehr beeindruckt, wie sehr die Bevölkerung bei der Eindämmung dieser Krankheit mitgeholfen hat. Es ist wichtig, dass diese Basis der Zusammenarbeit noch einige Zeit erhalten bleibt.“