Systemgeschehen

Dezimierte Vielfalt als Nährboden für Pandemie

Die neuartigen Coronaviren konnten sich rasch in der ganzen Welt ausbreiten, weil die Menschheit die Vielfalt in natürlichen und menschgemachten Systemen drastisch verringert hat, meinen Forscher. Man habe der Pandemie gewissermaßen rote Teppiche rund um den Globus gespannt.

Die Erde ist ein sich selbst regulierendes, symbiotisches System, das durch vielfältige Beziehungen zwischen lebenden und nicht-lebenden Systemen zusammengehalten wird, so die Forscher um Roberto Cazzolla-Gatti und Guido Caniglia vom Konrad Lorenz Institut (KLI) in Klosterneuburg (NÖ) im Fachjournal "Science of the total Environment“. Dazu brauche es Vielfalt (Diversität): Sie stabilisiert die Bedingungen, in denen Leben entstand und sich über Milliarden von Jahren bis heute weiterentwickeln konnte.

„Als wir all die wissenschaftlichen Arbeiten zur Covid-19-Pandemie gesammelt haben, realisierten wir, dass ein grundlegendes Motiv darin zu erkennen ist: Der Verlust von Diversität“, sagte Caniglia im Gespräch mit der APA. In der unbelebten Welt (Geosphäre), der Lebewelt (Biosphäre) und der von Menschen geschaffenen Kulturwelt (Anthroposphäre) wurde sie durch menschliche Aktivitäten massiv dezimiert. Dieser Verlust an Vielfalt sei ein entscheidender Grund, der die Pandemie möglich machte.

Es greife zu kurz, wenn man stets Einzelheiten in der Covid-19-Entstehungen betrachtet und nur darüber debattiert, ob die Viren nun von Fledermäusen oder Schuppentieren auf den Menschen gekommen sind, und ob sie von einem Markt in Wuhan oder aus einem Labor stammen, meinte er. Dadurch verliere man sich in Details und vergesse, das ganze Bild zu betrachten. „Das ist aber nicht nur bei der Pandemie, sondern generell derzeit ein Problem in den Medien und bei wissenschaftlichen Studien“, so der Forscher.

Komplexes Geschehen

„Freilich ist es verständlich, wenn man sich auf die Gesundheitsprobleme fokussiert, die Covid-19 verursacht“, sagte Caniglia. Damit würde man die Pandemie aber nicht verstehen und es nicht schaffen, adäquat mit ihr umzugehen. „In 99 Prozent der Medienberichte und den meisten wissenschaftlichen Arbeiten wird die Komplexität der Pandemie unterschätzt“, erklärte er. Infolge dessen versucht man die Probleme, die sie generiert, mit möglichst einfachen Lösungen aus der Welt zu schaffen. „Es gibt aber keine einfache Lösungen für komplexe Probleme, weder bei den sozialen Problemen auf der Welt noch bei einer Pandemie“, so Caniglia.

Vor allem sei es entscheidend, wieder mehr Vielfalt auf der Welt zu schaffen, um sie zu stabilisieren und Phänomenen wie der Covid-19-Pandemie den Nährboden zu entziehen. „Diversität in allen Formen ist wichtig, also zum Beispiel Formenvielfalt, kulturelle Vielfalt, Vielfalt der Lebewesen, Diversität in der Forschung und Diversität beim Wissen“, meint er. Man müsse davon abkommen, Vielfalt nur als nettes „Gimmick“ zu sehen, sondern könne sie ruhig als Lösung vieler Probleme betrachten, sagte er: „Man sollte sie erhalten, verstärken und akzeptieren lernen“.