Schatten in steinzeitlicher Höhle: Mensch bläst in ein Schneckenhorn
G. Tosello
G. Tosello
Schneckenhorn

Musizieren wie die Steinzeitmenschen

So klingt Musik aus der Steinzeit: Forscher und Forscherinnen haben einem der ältesten Blasinstrumente der Welt erstmals Töne entlockt – und waren hingerissen. Der Klang sei „unglaublich laut und beeindruckend“.

17.000 Jahre. So lange erklang kein Ton aus dem Schneckenhorn. Kein Wunder, denn dem uralten beigefarbenen Exemplar der atlantischen Meeresschnecke wurde bis vor Kurzem ein komplett anderer Verwendungszweck zugeschrieben. Als der Historiker Henri Begouën 1931 in die 50 Meter lange Höhle von Marsoulas in den französischen Pyrenäen kletterte, fand er nahe dem Eingang das Gehäuse einer Meeresschnecke. Es wurde geborgen, begutachtet und als ritueller Trinkbecher klassifiziert. Begouën brachte das Stück ins Naturhistorische Museum in Toulouse, wo es mehr als 80 Jahre lang im Depot verwahrt wurde und in Vergessenheit geriet.

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell, 11.2.2021, 13.55 Uhr.

Doch dann kam Carole Fritz. Die Archäologin am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) hat die Funde der Marsoulas-Höhle nun erneut unter die Lupe genommen. Dabei stieß sie auch auf die Steinzeitmeeresschnecke. Bisher war man davon ausgegangen, dass das Stück nicht von menschlicher Hand bearbeitet, sondern in seiner Ursprungsform als Trinkbecher genutzt worden war.

Großaufnahme des steinzeitlichen Schneckenhorns
C. Fritz, G. Tosello, Muséum d’Histoire naturelle de Toulouse
Das Schneckenhorn aus der Marsoulas-Höhle

„Bei genauerer Begutachtung fiel mir auf, dass an der Spitze ein Stück fehlte“, sagte Fritz. Dieses Detail wurde auch bereits von Begouën registriert. Er tat es allerdings als unbeabsichtigte Beschädigung ab. Doch irgendetwas hatte den Forschungsinstinkt der Archäologin geweckt. Sie wandte sich an Philippe Walter, Chemiker und Direktor des Labors für molekulare und strukturelle Archäologie an der Universität Sorbonne. Dort wurde ihre Vermutung bestätigt.

Das kann kein Zufall sein

„Die Spitze des Gehäuses ist besonders hart. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass gerade dieser Teil beschädigt wird und der Rest heil bleibt“, erklärte Walter. Daraufhin riefen die Archäologin und der Chemiker eine interdisziplinäre Forschungsgruppe ins Leben.

„Dank Computertomografie konnten wir feststellen, dass die Meeresschnecke tatsächlich von menschlicher Hand bearbeitet worden war, dass es sich hier also um keinen Unfall gehandelt haben konnte“, sagte Walter. Die Spitze wurde bewusst so modifiziert, dass man ein Mundstück anbringen und dadurch hineinblasen konnte. „Auf diese Idee ist man anfangs nicht gekommen, weil der Aufsatz in den Tausenden Jahren natürlich vermodert ist. Woraus er genau bestanden hat, wissen wir leider nicht, vermutlich aus Holz.“

So klingt das Schneckenhorn

Mittels Fotogrammetrie konnten die Wissenschaftler auch beweisen, dass das Artefakt mit derselben Farbe geschmückt worden war, wie man sie von Höhlenmalereien kennt. Im Inneren entdeckten sie außerdem kunstvolle Spuren von roten Fingerabdrücken.

Natürlich wollte das Team auch herausfinden, wie sich das Instrument angehört haben mag. Dafür engagierten sie einen professionellen Hornspieler. „Ich war ziemlich nervös, immerhin handelt es sich hier ja um ein Tausende Jahre altes Fundstück“, sagte Archäologin Fritz.

Das Experiment glückte. Das Schneckenhorn erklang nach 17.000 Jahren zum ersten Mal wieder. „Der Ton ist unglaublich laut und beeindruckend“, sagte Walter. Um das Artefakt nicht weiter zu strapazieren, wurde mittels 3-D-Drucker eine exakte Kopie des Instruments hergestellt. Weitere Forschungen sollen folgen.

Ihre Erkenntnisse hat die Gruppe nun im Fachmagazin „Science Advances“ publiziert. „Dieses Schneckenhorn hat uns die Lebensart der Menschen der Steinzeit um ein gutes Stück näher gebracht“, sagte Fritz.