Covid-19-Patientin im Krankenhaus
MARK FELIX/AFP
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Covid-19

Wie man schwere Verläufe verhindern könnte

Die Suche nach Therapien für Covid-19 läuft auf Hochtouren, Fortschritte wurden nun bei einem Kongress im Internet präsentiert: Die Virusvermehrung hat eine Schwachstelle – und Stammzellen könnten das Immunsystem vor Überreaktionen schützen.

Evidenzbasiertes Wissen ist der Goldstandard in der Medizin. Was durch Studien mehrfach bestätigt und durch Metaanalysen nochmals gefestigt wurde, gilt als aktuell akzeptierter Wissensstand. Am anderen Ende der Sicherheitsskala rangieren Kongressbeiträge: Hier präsentieren Forscher und Forscherinnen ihre neuesten, noch unpublizierten Daten, die sie im Labor oder im Krankenhaus gesammelt haben. Was zunächst wie ein Durchbruch aussieht, kann sich in diesem Stadium der Forschung durchaus als falsch oder unwichtig erweisen.

Das gilt auch für die Vorträge, die zurzeit beim virtuellen Kongress „Experimental Biology 2021“ zu hören und zu sehen sind. Aller Volatilität zum Trotz sind da einige Erkenntnisse dabei, die neue Wege für die Behandlung von Covid-19 aufzeigen.

Urinproben zeigen Risisko an

Dragana Komnenov von der Wayne State University in Detroit hat etwa herausgefunden, dass Substanzen im Urin auf ein erhöhtes Risiko von schweren Verläufen hinweisen. Menschen, die unter Diabetes oder Bluthochdruck leiden (zwei bekannte Risikofaktoren bei Covid-19), haben ihr zufolge mehr Entzündungsmarker im Urin – und das könnte ihr zufolge wiederum der Vorbote einer gefährlichen Überreaktion des Immunsystems sein, auch bekannt als „Cytokinsturm“. Komnenov empfiehlt daher ein Screening aller Patienten im Krankenhaus, um Komplikationen möglichst früh vorbeugen zu können.

Virus-Vermehrung stoppen

Wissenschaftler des University of Oklahoma Health Sciences Center berichten bei dem Kongress, wie man das Virus an der Vermehrung hindern könnte. Die Substanzen Phebestin und Probestin erwiesen sich in Versuchen an Mäusen als wirksam – sie hemmen ein Virusenzym namens Protease – und riefen im Tierversuch auch keine Schäden in der Lunge hervor. Bis zu klinischen Anwendung am Menschen ist es freilich noch ein weiter Weg, Studienleiter Nagendra Yarla betont jedenfalls, dass man diese Stoffklasse genauer unter die Lupe nehmen sollte: Phebestin, Probestin und verwandte Wirkstoffe sind ihm zufolge gute Kandidaten für antivirale Medikamente, mit deren Hilfe man SARS-CoV-2 unter Kontrolle bringen könnte.

Therapie mit Stammzellen

Ähnlich wie Dragana Komnenov beschäftigt sich auch Salvatore Vaiasicca vom Houston Methodist Research Institute mit dem sogenannten Cytokinsturm. Im Gegensatz zu seiner Fachkollegin geht es ihm aber nicht um die Vorhersage, sondern um die Verhinderung der überschießenden Immunreaktion. Er hat im Rahmen von Routineuntersuchungen Stammzellen aus dem Fruchtwasser schwangerer Frauen entnommen und herausgefunden, dass die darin enthaltenen Substanzen regulierend auf das Immunsystem einwirken. Wie seine Versuche zeigen, könnte man damit nicht nur Entzündungen hemmen, sondern auch die Lunge oder das Herz vor infektionsbedingten Schäden schützen. Fazit seines Vortrags: Fruchtwasser-Stammzellen könnten den Krankheitsverlauf abmildern und chronische Entzündungen verhindern.

Die Eintrittspforte ins Gehirn

Das Coronavirus befällt bekanntlich nicht nur die Lunge, sondern auch andere Organe, wie zum Beispiel das Gehirn. Wie es dorthin gelangt, hat Ricardo Costa von der Louisiana State University geklärt. Die Eintrittspforte ins Gehirn sind ihm zufolge die Astrozyten – sternförmige Nervenzellen, die Neuronen über Kontakte zu den Blutgefäßen ernähren.

Astrozyt unter dem Mikroskop
Ricardo Costa, LSUHS
Infizierter Astrozyt

Costa zufolge sind Neuronen zwar anfälliger für Angriffe des Coronavirus, doch wenn Astrozyten befallen werden, öffnen sie dem Erreger Tür und Tor und erleichtern ihm somit die weitere Verbreitung. Das könnte erklären, warum mache Patienten nach einer Infektion unter schwerwiegenden neurologischen Symptomen leiden und andere davon völlig verschont bleiben.

Ursachen von „Long Covid“

Hauptangriffspunkt des Coronavirus ist und bleibt die Lunge. Der typische Infektionsweg verläuft folgendermaßen: Der Erreger bindet mit seinem Stachelprotein an einen Rezeptor, verschafft sich damit Zutritt zur Zelle und schleuste dann sein genetisches Material ein. Die solcherart entsperrte Zelle sorgt dann für die Vermehrung der Virusbestandteile – soweit ist das alles bekannt, Sharilyn Almodovar von der Texas Tech University hat nun allerdings herausgefunden, dass bereits ein isoliertes Spikeprotein (also ohne Virus) in der Wirtszelle zu nachhaltigen Veränderungen der Genaktivierung führt. Am stärksten betroffen waren Gene, die mit Entzündungen in Zusammenhang stehen.

Almodovar sieht dieses Ergebnis als mögliche Erklärung für die anhaltenden Symptome von „Long Covid“, wie etwa Atemnot, Erschöpfung und Probleme mit dem Herzen. „Unsere Versuche deuten darauf hin, dass die Symptome bereits durch die Wechselwirkung zwischen Zelle und Spike-Protein ausgelöst werden“, so die texanische Immunologin. Dass ihre Versuche mit kultivierten Zellen auch etwas über die Geschehnisse im Körper von Patienten aussagen, hat Almodovar bereits bestätigt. Jetzt sucht sie nach möglichen Ansatzstellen für Therapien.