8-jähriger Bub in einem französischen Autismus-Zentrum
AFP/MARTIN BUREAU
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Autismus

Langes Warten auf Therapieplatz

Je früher man bei einer Autismus-Spektrum-Störung mit einer Therapie beginnt, desto besser sind die Ergebnisse. Doch Therapieplätze sind in Wien Mangelware. Teilweise wartet man mehrere Jahre auf einen Platz.

Für sie sei es wie ein Lotto-Sechser gewesen, erzählt Maria Spenger. Bereits nach sechs Monaten Wartezeit bekam ihr vierjähriger Sohn David einen Therapieplatz im Wiener Autismus-Therapiezentrum im Ambulatorium Sonnwendviertel. Seit fast einem Jahr ist David nun in Therapie. „Und es ist für ihn am Montag immer das volle Highlight, wenn wir da hingehen.“

Therapie erleichtert Alltag

Erste Erfolge der Therapie sind für die Mutter bereits sichtbar. David hätte in der Gruppentherapie soziales Verhalten erlernt und würde nun von sich aus Kontakt mit seinem Opa aufnehmen, den er zuvor immer ignoriert habe. Oft sind autistische Kinder zwänglerisch, gehen nur ihren eigenen Routinen nach. Diesbezüglich hätte David sehr von der Ergotherapie profitiert, erzählt Maria Spenger: „Dass er einfach ein wenig flexibler agiert und nicht bei jeder veränderten Situation überfordert ist.“

Die Therapeutinnen und Therapeuten sind auch wichtige Ansprechpersonen für die Eltern. Sie können mit ihnen über Verhaltensweisen ihres Kindes sprechen, die sie sich nicht erklären können; lernen das Kind besser zu verstehen und besser mit ihm umzugehen. „Und das ist am Ende des Tages für uns alle eine große Entlastung – für das Kind, aber auch für uns Eltern.“

Kaum Therapieplätze, lange Wartelisten

Das Autismus-Kompetenzzentrum im Ambulatorium Sonnwendviertel ist das einzige seiner Art in Wien. Es kann 42 Kindern einen Behandlungsplatz bieten. Als das Zentrum vor fast zwei Jahren eröffnet wurde, gab es am ersten Tag 130 Anmeldungen, erzählt der ärztliche Leiter Klaus Vavrik. „In der Großstadt Hamburg, die eine ähnliche Einwohnerzahl hat wie Wien, gibt es fünf solche Einrichtungen. Und das ist kein Luxus, sondern wirklich bedarfsgerecht.“

Der Bedarf an Autismus-Therapieplätzen würde steigen, erzählt der Mediziner. Allein im vergangenen Jahr hätte man 180 Kinder abweisen müssen. In Österreich werde zwar nicht erhoben, wie viele Kinder von einer Autismus-Spektrum-Störungen betroffen sind, aber die Erfahrungen aus ganz Österreich zeigen: Der Zulauf ist groß. Das bestätigt auch der Dachverband Österreichische Autistenhilfe. Dort warten Eltern mindestens vier Jahre auf einen Therapieplatz. Auf den Wartelisten für Autismus-spezifische Therapien wie der Applied Behaviour Analysis, dem TEACCH Ansatz oder Soziale-Kompetenz-Fördergruppen stehen derzeit mehr als 200 Kinder.

Frühzeitige Therapie erfolgreicher

Haben Kinder mit Autismus keine Sprache entwickelt, ist es schwierig ihre Zeichen und Bedürfnisse richtig zu „lesen“, erklärt Klaus Vavrik. Mit Hilfe spezieller Therapiemethoden, wie der Applied Behaviour Analysis oder dem Early Start Denver Model, wird nicht nur das Sozialverhalten des Kindes, sondern auch seine Entwicklung gefördert. „Dass sie beginnen, sich selbstständig an- und auszuziehen mit Besteck essen und ähnlichen Dingen. Sie können sich vorstellen, was das für Familien heißt, wenn das Kind drei, fünf oder auch sieben Jahre alt wird und nichts davon gelingt oder funktioniert.“

Diese Entwicklungsschritte im Kleinkindalter sind die Basis für Entwicklungsschritte im Jugendalter, betont der Mediziner. Es sei daher wichtig möglichst frühzeitig mit Therapien zu beginnen. Die Erfolge seien um ein Vielfaches größer, wenn zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr mit Behandlungen begonnen wird. Beim aktuellen Mangel an Therapieplätzen eine für Eltern schier unlösbare Aufgabe.