Dorothee Kern beim Basketballspielen
privat
privat
Olympia-Porträts

„Bei mir spielen Proteine Basketball“

Dorothee Kern ist eine erfolgreiche Biochemikerin. Die gebürtige Deutsche hat zwei Biotechunternehmen in den USA gegründet, ihre Forschungen wurden mehrfach ausgezeichnet. Die Inspiration für ihre wissenschaftliche Arbeit gewinnt sie aus ihrer zweiten Leidenschaft: dem Basketball. In beiden Fällen geht es viel um Bewegung und Dynamik – „bei mir spielen Proteine Basketball“, sagt Kern.

Dorothee Kern führt ein bewegtes Leben – wortwörtlich. 1995 hat es die deutsche Biochemikerin in die USA verschlagen. Dort wohnt und forscht sie bis heute, aktuell ist sie Professorin an der Brandeis University im US-Bundesstaat Massachusetts. Zuvor war sie Kapitän der Basketballnationalmannschaft in der DDR. Kern hat neben ihrer Ausbildung immer die unterschiedlichsten Sportarten betrieben. Zunächst war sie im Schwimmteam aktiv. Sie hatte Talent. Im Laufe der Zeit wäre ihr wohl auch eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen offengestanden.

„Aber dafür hätte ich Dopingmittel nehmen müssen. Da wurde keiner gefragt. Alle Mitglieder einer olympischen DDR-Mannschaft mussten verbotene Präparate schlucken. Das war einer der Gründe, warum ich mit zwölf Jahren den professionellen Schwimmsport an den Nagel gehängt habe,“ so Kern gegenüber science.ORF.at.

Dorothee Kern 2005 beim Basketballspielen
AP – ROBERT E. KLEIN
Dorothee Kern 2005 beim Trainieren

Basketball bewahrte sie vor dem Dopingzwang

Stattdessen wandte sich Kern dem Basketball zu. Die ursprünglich amerikanische Sportart galt in der DDR als Amateurdisziplin. Das bedeutete zwar weniger Fördermittel, gleichzeitig gab es aber auch keinen Dopingzwang. „Ich war zwar immer die Kleinste im Team. Aber dieses Manko habe ich mit Taktik wettgemacht.“ Mit Erfolg. Im Alter von zwölf Jahren zog sie in die Juniorenmannschaft ein. Vier Jahre später dribbelte sie sich in das DDR-Nationalteam. Dort stieg sie bis zum Kapitän auf.

Mit dem politischen System der DDR konnten aber weder sie noch ihre Eltern etwas anfangen. „Meine Mutter und mein Vater sind beide auch Biochemiker. Aber meinem Vater haben sie eine Professur verweigert, weil er sich geweigert hat, in die Partei einzutreten.“ Auch Kern hätte ihre politische Einstellung fast die akademische Karriere gekostet. Sie wurde zunächst nicht zum Studium zugelassen. „Meine Eltern haben aber nicht aufgegeben. Sie haben zwei Monate darum gekämpft und gesagt: ‚Unsere Tochter macht ja etwas für die Republik, immerhin ist sie im Nationalteam.‘ Der einzige Grund, warum ich überhaupt einen Studienplatz bekam, war also, dass ich Basketball gespielt habe.“ Das sei ihre Art gewesen, das System auszutricksen, schmunzelt Kern.

Dorothee Kern im DDR-Team
privat
Dorothee Kern im DDR-Team

Die Sportkarriere allein sei ihr zu wenig gewesen. „Ich wollte immer sowohl meinen Kopf als auch meinen Körper fordern.“ Beide Bereiche würden voneinander profitieren. „Wenn es mal im Labor nicht geklappt hat, dann bin ich auf das Basketballfeld geflitzt und hatte dort meinen Spaß. Und wenn ich mal ein schlechtes Spiel hatte, dann habe ich meine Erfolgserlebnisse in der Wissenschaft gefunden.“

Und dann fiel die Mauer

Im Oktober 1989 schloss Kern ihre Promotion ab – einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer. Damals hätte eine unglaubliche Aufbruchstimmung geherrscht, erinnert sie sich. Ihr größter Wunsch sei es immer gewesen, in die USA zu übersiedeln. „Und das konnte ich jetzt endlich machen.“ Allerdings habe sie das auch vor die schwierigste Entscheidung ihres Lebens gestellt: “In die USA gehen und die Wissenschaftskarriere in den Vordergrund stellen, oder in Deutschland bleiben und weiter Bundesliga spielen.“

Science goes Olympia

Während der Olympischen Spiele stellen wir eine Reihe von Wissenschaftlerinnen vor, die auch Spitzensportlerinnen sind oder waren: zu hören in Ö1 Wissen aktuell, zu lesen in science.ORF.at. Bisher erschienen:

Schließlich gab sie der Wissenschaft den Vorzug und übersiedelte 1995 über den Atlantik. „Ich habe diesen Schritt nie bereut. In den USA fragt dich niemand nach deinem Alter oder deinem Lebensweg. Dort zählt einzig und allein die Leistung. So konnte ich als Jungforscherin meinen Weg gehen.“ Und das äußerst erfolgreich. Die 55-Jährige hat zwei Biotech-Unternehmen gegründet und auch einige Auszeichnungen erhalten – unter anderem den „Pfizer Award“ der Amerikanischen Gesellschaft für Chemie.

Sport und Wissenschaft als Teamwork

Dabei profitiere sie auch von ihren sportlichen Erfahrungen. „Im Grunde mache ich als Firmenchefin genau dasselbe, wie damals als Basketballkapitän. Ich muss immer alle motivieren und dabei auf die Bedürfnisse meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter achten.“ Grundlagenforschung funktioniere heute nur mehr im Teamwork, sagt Kern. „Die Materie ist so komplex geworden, dass niemand mehr allein große Durchbrüche erringen kann.“

Die Faszination für Bewegung hat sich die Biochemikerin bis heute erhalten – auch in ihrer Forschung. Ihr Spezialgebiet ist die Proteindynamik. Kern untersucht, wie sich Moleküle im Gehirn und in den Muskeln verhalten. Basketball ist ihr hier Inspirationsquelle und Veranschaulichungsmaterial in einem. „Ich leite meine Vorträge immer mit einem Video ein, dass mich auf dem Sportplatz zeigt. Bei mir spielen also quasi Proteine Basketball. Im Nationalteam habe ich mich mit der Bewegung im Makrobereich beschäftigt, nun untersuche ich die Dynamik auf mikroskopischer Ebene.“

Sport ist nach wie vor ein wichtiger Faktor in ihrem Leben – nicht nur in Form wissenschaftlicher Videos. Die 55-jährige steht bis heute täglich auf dem Basketballplatz. Dort trainiert sie mit einem Männerteam. Schließlich wolle sie sich sowohl wissenschaftlich als auch körperlich immer größtmöglich fordern, lacht Dorothee Kern.