„Das Virus wird von selbst nicht verschwinden“

Um eine fünfte Infektionswelle in Zukunft zu verhindern, müssten sich noch mehr Österreicherinnen und Österreicher impfen lassen, meinen Experten. Selbst dann wird uns das Virus aber wohl noch länger begleiten.

Die tausenden Neuinfektionen jeden Tag zeigen klar, dass sich Österreich aktuell in der bereits vierten CoV-Infektionswelle befindet. „Die hohen Fallzahlen führen dazu, dass das System ganz leicht überlastet werden kann und bereits überlastet ist", erklärt etwa Jens Meier, der Vorstand der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Kepler Universitätsklinikum in Linz.

Im Rahmen eines COVID-Symposiums des Universitätsklinikums und der Johannes-Kepler-Universität warnt er davor, dass sich die österreichischen Intensivstationen wohl noch „weit über Weihnachten“ im Ausnahmezustand befinden werden. Denn auch wenn der aktuelle Lockdown Wirkung zeigt, dauere es wahrscheinlich mehrere Wochen, um eine Besserung der Situation auf den Intensivstationen zu bemerken.

“Mehr als 80 Prozent müssen geschützt sein“

Um eine fünfte Infektionswelle in Zukunft so gut es geht zu verhindern, müsste ein großer Teil der Bevölkerung vor dem Virus geschützt sein. Darauf weist Bernd Lamprecht, der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum hin. Bei dem Symposium erklärt er: „So ausgeprägte Infektionswellen, wie wir sie jetzt erleben, können in Zukunft nur verhindert werden, wenn mehr als 80 Prozent einer Bevölkerung vor dem Virus geschützt sind. Darüber sind sich Experten allerorts einig – auch unter Berücksichtigung der aktuellen Delta-Variante.“ Knapp 70 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben derzeit zumindest eine Corona-Teilimpfung erhalten (Stand 23.11.) – laut Lamprecht ein zu niedriger Wert, um die Bevölkerung effektiv zu schützen.

Von der Pandemie in die Endemie

Selbst wenn weitere Infektionswellen verhindert werden könnten, wird uns das Coronavirus aber wohl noch länger begleiten. Lamprecht: „Dieser Eindruck erhärtet sich mehr und mehr. Wir müssen froh sein, wenn wir von der pandemischen Situation, die wir aktuell erleben, in eine Endemie kommen. Das Virus wird von selbst nicht verschwinden.“ Der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum geht davon aus, dass SARS-CoV-2 ähnlich wie zum Beispiel Influenza-Viren zu einem andauernden Problem wird. Die Hoffnung bestehe natürlich, so Lamprecht, dass das Virus in weiteren Mutationen schwächer wird. Vermutlich werde man die Bevölkerung aber längere Zeit dagegen schützen müssen.

Schutzmaßnahmen wie etwa Abstand halten und das Tragen von Masken sieht Lamprecht als sehr sinnvoll an. Er könne sich vorstellen, dass derartige Maßnahmen auch dann bestehen bleiben, wenn die Gefahr durch das Coronavirus nichtmehr so akut ist. „Wir hatten im letzten Winter zum Beispiel das erste Mal seit Jahrzehnten keine Grippewelle in Österreich zu verzeichnen. Das heißt, wie effizient Abstand, Maske und Händehygiene wirken, ist damit eindrucksvoll unterstrichen worden.“ In sensiblen Bereichen, wie etwa Krankenhäusern oder eventuell auch dem öffentlichen Verkehr, würde Lamprecht ein längeres Beibehalten der Schutzmaßnahmen begrüßen.

“Vorsorge“ besser als „Reparatur“

Für einen vorsorglichen Schutz vor einer Infektion sei die Impfung derzeit die beste Option. Aber auch im Bereich der Behandlungsmöglichkeiten von bereits erkrankten Personen habe sich seit Beginn der Pandemie einiges getan. Lamprecht: „Wir sind hier viel weitergekommen. Rund 1.600 medizinische Substanzen werden aktuell in klinischen Studien untersucht, 28 Substanzen sind teilweise oder gar gänzlich für den Einsatz in der Praxis zugelassen.“ Dabei gibt es erfreuliche Fortschritte. „Es sind jetzt auch Präparate verfügbar, die, wenn sie rechtzeitig verabreicht werden, eine Risikoreduktion in Hinblick auf schwere Krankheitsverläufe ermöglichen“, erklärt der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum.

Trotz der Fortschritte bei den Behandlungsmöglichkeiten von infizierten Personen sei ein vorsorglicher Schutz aber immer zu bevorzugen, so Lamprecht. Er erklärt: „Es ist derzeit noch kein Medikament verfügbar oder unmittelbar am Horizont, dass es auch nur annähernd mit der Impfung aufnehmen könnte. Die Reparaturmedizin ist der Vorsorgemedizin aktuell also noch klar unterlegen.“ Derzeit gäbe es, so Lamprecht, auch keine Hinweise auf neue Virus-Varianten, gegen die die Impfung nicht wirksam wäre.