Demonstrantin mit Maske: Gib Gates keine Chance
AFP/TOBIAS SCHWARZ
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Literaturanalyse

Postfaktische Ära begann schon vor vierzig Jahren

Im postfaktischen Zeitalter zählen Befindlichkeiten oft mehr als Fakten und Argumente. Das spiegelt sich auch im Sprachgebrauch der sozialen Netzwerke. Doch wie eine Analyse von Büchern und Medien nun zeigt, sind Gefühle sprachlich schon seit den 1980ern auf dem Vormarsch, also schon lange vor Facebook und Co.

Selbst die absurdesten Behauptungen finden heute nicht nur blitzschnell zahlreiche Anhänger, in manchen Kreisen halten sie sich auch hartnäckig, egal wie viele Fakten dagegen sprechen. Man denke etwa an das Gerücht, dass bei einer CoV-Impfung angeblich ein Mikrochip eingesetzt wird, um die Gedanken der Bevölkerung zu kontrollieren.

Anstatt von rationalen Argumenten lassen sich viele heute eben lieber von Meinungen und Gefühlen überzeugen. Schon vor Jahren wurde dafür der Begriff „postfaktisch“ geprägt, inspiriert vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der – anstatt sich lange mit Fakten aufzuhalten – lieber seine wechselnden subjektiven Überzeugungen, Emotionen oder gar Lügen unters Volk brachte, vorzugsweise via Twitter. Soziale Netzwerke wie dieses werden auch gern für den Siegeszug solcher subjektiven Befindlichkeiten zu Lasten objektiver Tatsachen verantwortlich gemacht.

Bücher als Barometer

Womöglich reichen die Wurzeln dieser antirationalen Strömung aber viel weiter in die Vergangenheit. Wie eine kürzlich im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschienene Studie nahelegt, begann die Entwicklung schon deutlich vor der weltweiten Digitalisierung. Die Autorinnen und Autoren um Marten Scheffer von der niederländischen Wageningen-Universität haben mit Hilfe des „Google Ngram Viewer“ die Sprache in Millionen fiktionalen sowie nicht fiktionalen Büchern, die zwischen 1850 und 2019 erschienen, analysiert.

Die Idee dahinter: Bücher reflektieren zumindest zu einem gewissen Grad, wie Menschen die Welt sehen und wie sich diese Auffassungen im Lauf der Jahre ändern können. Als Indikatoren für diese Veränderungen nutzten die Forscherinnen und Forscher die 5.000 häufigsten Wörter im Englischen und im Spanischen. Um abzuklären, ob die Entwicklung auch in anderen Sprachen ähnlich ist, wurden mit einzelnen Begriffen auch Analysen in deutscher, italienischer, französischer und russischer Literatur durchgeführt.

Zwei große Trends

Insgesamt ließen sich zwei große Entwicklungen in den Daten ausmachen. Ab 1850 wurden systematisch immer weniger Begriffe verwendet, die mit Gefühlen, Glauben oder Spiritualität zu tun haben, etwa „glauben“, „dankbar“, „enttäuschen“ und „Freude“. In den Texten tauchten hingegen zunehmend Wörter auf, die mit Fakten und Rationalität zu tun haben, etwa „zeigen“, „verfügbar“, „verantwortlich“, „Daten“ und „Prozent“.

In den 1980er Jahren drehte sich dieser Trend allerdings wieder um. Die Sprache in Romanen und in Sachbüchern wurde allmählicher wieder emotionaler und weniger faktenzentriert. Laut den Fachleuten hat sich diese Entwicklung ab 2007 noch weiter beschleunigt. Sie spiegle sich auch in Medien, wie zusätzliche Analysen von Ausgaben der „New York Times“ zeigen. Google-Suchanfragen haben sich ebenfalls zunehmend in eine weniger faktenorientierte Richtung entwickelt.

Auch die Verwendung von Personalpronomen wie „ich“ und “wir" lege nahe, dass sich der Fokus der Menschen in den vergangenen 40 Jahren verschoben hat: weg von einer kollektiven und gesellschaftsorientierten Weltsicht hin zu einer individualisierten und persönlichen Auffassung.

Ursache Neoliberalismus

Über die Ursachen der Entwicklung von 1850 bis in die 1980er Jahre könne man nur spekulieren, betont Scheffer in einer Aussendung zur Studie: „Es könnte z. B. sein, dass der wissenschaftliche Ansatz in dieser Zeit an Ansehen gewonnen hat, durch die rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik sowie deren sozioökonomischem Nutzen.“ Modernisierung und Säkularisierung haben die Spiritualität verdrängt.

Warum sich die Stimmung rund um 1980 – und damit Jahrzehnte vor dem Aufkommen der sozialen Netzwerke – wieder gedreht hat, sei noch etwas schwieriger festzumachen. Wie die Studienautoren vermuten, hat es mit politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit zu tun. Mit dem aufkommenden Neoliberalismus rückte das Individuum zunehmend in den Mittelpunkt. Gleichzeitig wurde klar, dass davon nicht jeder gleichermaßen profitiert, was viele als unfair empfanden. Solche Gefühle wurden durch das Internet weiter verstärkt.

Die Ergebnisse illustrieren ein Hin und Her zwischen zwei fundamentalen menschlichen Denkweisen, nämlich der Argumentation und der Intuition, schreiben Scheffen und Co. Für moderne Gesellschaften wäre es notwendig, eine Balance zwischen den beiden zu finden, einerseits die Bedeutung von Intuition und Gefühlen anzuerkennen, aber andererseits Rationalität und Wissenschaft optimal zu nutzen. Nur so ließen sich die großen globalen Probleme in den Griff kriegen.