Svitlana Krakovska, Wolodymyr Selenskyj
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Wie Klimakrise und Russland-Krieg zusammenhängen

Die Klimakrise und der Krieg Russlands gegen die Ukraine hängen zusammen: „Denn mit dem Geld, das Russland mit dem Export von fossilen Brennstoffen verdient, wird der Krieg finanziert“, sagt Switlana Krakowska, die Leiterin der ukrainischen Delegation des UNO-Weltklimarats. Mit science.ORF.at sprach die Klimaforscherin über den Krieg, die Klimakrise – und über Pläne für den Wiederaufbau.

Die Veröffentlichung des jüngsten Berichts des UNO-Weltklimarats (IPCC) Ende Februar war überschattet vom Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Es war der erste Bericht, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ukraine als Hauptautoren beteiligt waren. Aus den abschließenden Beratungen für den Bericht musste sich die ukrainische IPCC-Delegation aber vorübergehend zurückziehen: Mehrere Delegierte waren gezwungen, ihre Wohnungen und Büros zu verlassen um in Notunterkünften Schutz zu suchen.

Switlana Krakowska, die Leiterin der ukrainischen Delegation, harrt seit Beginn des Angriffskriegs Russlands zusammen mit ihrer Familie in ihrer Wohnung in Kyiv aus. Während des Videotelefonats mit science.ORF.at wird die Klimaforscherin nur vom Licht ihres Monitors beleuchtet. „Draußen dämmert es, und wir müssen alle Lampen in der Wohnung ausschalten, damit kein Licht durch die Fenster nach draußen dringt.“

„Gasexporte finanzieren Russlands Krieg“

Zwischen den Ursachen der Klimakrise und der Ursache des Krieges sieht Krakowska einen direkten Zusammenhang: fossile Brennstoffe. „Russland verdient viel Geld mit dem Export von Erdgas und Erdöl, und mit diesem Geld werden Waffen produziert und das Militär finanziert: Das sind die Panzer und die Soldaten, die wir jetzt in der Ukraine vor unseren Fenstern sehen.“ Menschen werden getötet, die gesamte Infrastruktur werde zerstört. Und wenn Russland die ukrainischen Atomkraftwerke unter seine Kontrolle bringe, sei das nicht nur für die Ukraine gefährlich, sondern für ganz Europa, so die Klimaforscherin, die das Labor für Angewandte Klimaforschung am Ukrainischen Institut für Hydrometeorologie in Kyiv leitet.

„Die Menschen in Saporischschja, wo das größte Kernkraftwerk der Ukraine steht, versuchen diese großen Panzer mit ihren bloßen Händen aufzuhalten. Weil sie wissen, wie gefährlich die Anwesenheit von Militär in der Nähe dieser Anlage ist.“ Wie viele andere kann sich Krakowska noch gut an den April 1986 erinnern, als es im Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer Explosion kam: „Ich habe damals in einer Stadt ganz in der Nähe gewohnt und die Evakuierungen und all die Ängste miterlebt. Noch heute haben Kinder in der Ukraine gesundheitliche Problemen, die mit Tschernobyl zu tun haben.“

„In voriges Jahrhundert zurückgeworfen“

„Über die Auswirkungen des Klimawandels nachzudenken, während russische Raketen einschlagen, sei sehr schwierig“, sagt die Wissenschaftlerin – und tut es dennoch. „Sehr enttäuscht“ sei sie, weil die Veröffentlichung des IPCC-Berichts „mit seinen wichtigen Botschaften“ mit den Nachrichten über den Krieg konkurrieren musste. Für Anfang März seien zudem mehrere Pressekonferenzen und Webinare mit politischen Entscheidungsträgern geplant gewesen, erzählt Krakowska, die in der Ukraine an der Entwicklung von Strategien zur Eindämmung der Klimakrise beteiligt ist. Und im Mai wollte die Klimaforscherin nach Wien kommen, wo die diesjährige Zusammenkunft der European Geophysical Union stattfindet.

Svitlana Krakovska
Svitlana Krakovska
Die Klimaforscherin Switlana Krakowska 2019 bei einem Treffen des IPCC in der französischen Stadt Toulouse

„Eigentlich müssten wir gerade alle Anstrengungen in die Bekämpfung der Klimakrise stecken und plötzlich sind wir wieder ins vorige Jahrhundert zurückgeworfen.“ Die Ukraine habe lange gebraucht, um die mit der Erderwärmung einhergehende Problematik zu erkennen. In den letzten Jahren seien die Bemühungen in der Bekämpfung der Klimakrise aber immer mehr geworden – „von der Regierungsebene bis zu kleinen Initiativen“.

Klimawandel für Moskau „nicht so wichtig“

Für die russische Regierung hingegen sei die Klimakrise Krakowskas Einschätzung nach „nicht so wichtig“. Im Zuge der Vorbereitungen des jüngsten Weltklimaberichts wertete sie u. a. die vorhandene wissenschaftliche Literatur aus Nordasien aus, also auch aus dem größten Teil Russlands – mit dem Ergebnis: „Es gibt nicht viel wissenschaftliche Literatur zum Klimawandel, weder auf Englisch noch auf Russisch.“

Svitlana Krakovska
Svitlana Krakovska
2018 bei einem Vortrag über Klimaschutz im Rahmen einer Konferenz in Kyiv

Oft werden in Russland vermeintliche positive Auswirkungen der Erderwärmung hervorgehoben: vom wärmeren Klima für die Landwirtschaft bis zu offenen Transportwegen im Arktischen Ozean. Debatten darüber, ob mildere Winter nicht von Vorteil seien, weil sie die Frostgefahr beim Weizen verringern, habe es auch in der Ukraine gegeben, erzählt Krakowska: „Aber mittlerweile ist allen klar, dass jeder positive Effekt von den negativen Auswirkungen der Erderwärmung überrollt wird.“

„Wir verstehen uns als Europäerinnen und Europäer“

Gefragt, was die Ukraine im Moment am dringendsten brauche, nennt Krakowska sofort die vieldiskutierte Flugverbotszone. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die NATO bereits mehrfach eindringlich aufgefordert, weitere Luftangriffe Russlands zu verhindern. Die NATO erteilte dem Ansuchen bisher aber eine klare Absage – mit dem Verweis auf das damit einhergehende Risiko, weitere Länder Europas in den Krieg hineinzuziehen.

„Schon 2014, als Russland die Halbinsel Krim und den östlichen Teil der Ukraine besetzte, waren wir enttäuscht“, sagt Krakowska. „Wir verstehen uns als Europäerinnen und Europäer, und Europa hat uns in den vergangenen acht Jahren nicht so geholfen, wie wir es erwartet hätten.“ Mit der Zeit sei klar geworden, dass die Ukraine eine eigene Armee aufbauen müsse. Aus diesem Grund haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nie bei der Regierung um Forschungsförderungen angesucht. Stattdessen habe man geförderte Projekte und Stipendien in Europa gesucht – und gefunden -, um die wissenschaftliche Arbeit in der Ukraine voranzutreiben.

Svitlana Krakovska, Wolodymyr Selenskyj
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Vor einem Jahr zeichnete Präsident Wolodymyr Selenskyj Krakowska für ihre Arbeit aus

Und auch in anderen Bereichen, bei zivilgesellschaftlichen Initiativen etwa, habe man andere Wege der Finanzierung gefunden. So habe jeder im Land seinen Teil beigetragen. „Und jetzt sind wir froh, dass die Regierung eine Armee aufgebaut hat. Und diese Armee versucht nicht nur uns in der Ukraine zu schützen, sie versucht gerade ganz Europa zu schützen.“ Für Menschen, die die ukrainische Geschichte und den langen Kampf für die Unabhängigkeit nicht kennen, sei das alles vielleicht nicht verständlich. „Aber wir verstehen unseren Feind sehr gut und wissen, dass er nicht an der ukrainischen Grenze stoppen wird, wenn ihn jetzt niemand aufhält.“

„Wiederaufbau wird viel Geld kosten“

Der Krieg Russlands sei verheerend für die Menschen in der Ukraine – viel zu viele Zivilisten und Zivilistinnen seien bereits getötet worden. Und er sei auch katastrophal für die Städte: „Schulen, Universitäten und große Teile der Infrastruktur sind zerstört“. Der Wiederaufbau werde viel Geld kosten, und wie viele andere Ukrainerinnen und Ukrainer fange sie schon jetzt an, sich darüber Gedanken zu machen, sagt Krakowska, in deren Kyiver Wohnung es mittlerweile stockdunkel geworden ist. „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Ukraine wieder aufbauen werden – und wir werden dies so nachhaltig, ökologisch und klimaresilient wie möglich tun.“