Jemand wird geimpft
AFP – BAY ISMOYO
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Schließung der Impflücke hat Vorrang

Impfstoffe gegen Omikron könnten nach Einschätzung der EU-Arzneimittelbehörde (EMA) im September eine Zulassung erhalten. Ob sie großflächig zum Einsatz kommen, bleibt fraglich: Die Schließung der Impflücke hat laut Fachleuten Priorität.

Bei der EMA in Beurteilung sind derzeit drei Typen von Impfstoffen: Erstens reine Omikron-Impfstoffe, wie zum Beispiel jene von Moderna und Biontech, denen auch die größte Chance auf Bewilligung eingeräumt wird; zweitens Kombinationsimpfstoffe, sozusagen Impfung alt plus neu in einem; sowie drittens ein Impfstoff, bei dem ganze abgetötete Viren verwendet werden – jener der französisch-österreichischen Firma Valneva.

Auffrischung nach drittem Stich

Die Impfstoffe im Prüfverfahren sind allerdings wenig dazu geeignet, die bisherigen zu ersetzen, sondern werden wohl als neuerliche Auffrischung zum Einsatz kommen, betont Ursula Wiedermann-Schmidt von der MedUni Wien im Gespräch mit science.ORF.at. Dies gelte sowohl für die aktualisierten mRNA-Impfstoffe, als auch für die Ganzvirus-Impfstoffe. Immunologischen Studien hätten nämlich eindrücklich gezeigt, dass bereits die bisher verwendeten mRNA-Impfstoffe eine breite Immunreaktion hervorrufen. „Hier kann man etwas draufsetzen und noch einmal eine Verbreiterung der Immunantwort hervorrufen“, so Wiedermann-Schmidt.

Den neutralisierenden Antikörpern kann Omikron offenbar ein Stück weit ausweichen, wie bereits einige Studien nachgewiesen haben. Was nach Ansicht der Vakzinologin von der MedUni Wien in der Debatte über Omikron jedoch bisher zu wenig berücksichtigt wurde: Der Rest des Immunsystems – vom zellulären Teil bis hin zum Komplementsystem – hat auch gegen diese Virusvariante einige Trümpfe in petto, sofern drei Impfungen absolviert wurden.

“Grundimmunisierung am wichtigsten“

Und genau das habe derzeit Vorrang, meint Wiedermann-Schmidt: Bevor man an neue Impfstoffe denke, sollte man besser die derzeit bestehende Impflücke schließen. „Das Wichtige ist eigentlich, dass die Grundimmunisierung mit dem ursprünglichen Impfstoff abgeschlossen wurde. Und da gibt es Nachholbedarf, denn die Population, die drei Mal geimpft wurde, ist nicht groß.“

Stand der Dinge in Zahlen: Derzeit haben 76 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung zumindest eine Dosis erhalten, bei drei Impfdosen sind es deutlich weniger, nämlich 55 Prozent. Ähnlich hatte sich kürzlich der EMA-Direktor für Impfstrategie Marco Cavaleri geäußert: Er betonte, dass 15 Prozent der über 18-Jährigen in Europa bislang noch keine einzige Impfung gegen Covid-19 erhalten hätten. Angepasste Omikron-Impfstoffe seien gut und wichtig – doch, so Cavaleri: „Oberste Priorität muss die Schließung der Impflücke haben.“