Die Erschaffung Adams: Ausschnitt aus dem Deckenfresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle
AFP – OLI SCARFF
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Michelangelo

Propagandist der Unvollendbarkeit

Statuen wie „David“ und „Pietà“, die Fresken der Sixtinischen Kapelle, die Kuppel des Petersdoms: Bereits zu Lebzeiten hat Michelangelo den Status eines „göttlichen Künstlers“ erlangt. Er selbst war mit seinen Kunstwerken aber oft unzufrieden und hinterließ viel Unfertiges. Man könnte Michelangelo deshalb auch einen Propagandisten der Unvollendbarkeit nennen – und somit einen Vorläufer der modernen Kunst.

Der an der Humboldt Universität in Berlin lehrende Kunsthistoriker Horst Bredekamp bezeichnet im Gespräch mit science.ORF.at Michelangelo als einen Künstler, der jedes Schema sprengt:

„Michelangelo ist in keinen Rahmen zu spannen, und es ist ihm niemals gelungen, eine Beruhigung gegenüber seinen eigenen Ansprüchen zu schaffen; auch niemals eine vorhersehbare Stilistik umzusetzen, weil die Getriebenheit von ihm selbst ihm immer wieder in Bereiche brachte, die er überhaupt nicht vorhersehen konnte.“

Porträtfoto Horst Bredekamp
Barbara Herrenkind

Horst Bredekamp zählt zu den führenden Kunsthistorikern der Gegenwart. Das Spektrum seiner Arbeiten reicht von den Bilderkämpfen in der Neuzeit bis zur Rolle des Visuellen in den elektronischen Medien. Im Vorjahr ist sein Buch zu Michelangelo im Wagenbach Verlag erschienen (Leseprobe).

Der Kunsthistoriker hat eine umfangreiche Studie über Michelangelo vorgelegt, in der er detailliert dessen leidenschaftliches Schaffen und Leben beschreibt. Darin präsentiert Bredekamp seine Jahrzehnte lange intensive Beschäftigung mit dem „göttlichen Künstler“. Er ist sich bewusst, dass der mythologische Dschungel, der den Künstler umgibt, nicht einfach gelichtet werden kann. Die Gesamtsicht auf Michelangelo bezieht sich auf dessen Biographie und seine psychische Disposition. Vor allem finden sich detailreiche Interpretationen der künstlerischen Werke, die mit deren fulminanten Abbildungen korrespondieren.

Prozessuales Schaffen – „Non finito“

Michelangelos gigantisches künstlerisches Schaffen weist aber auch bemerkenswerte Schattenseiten auf: Er bezog Honorare für Werke, die er nie geliefert hat, und hinterließ zahlreiche unfertige Skulpturen. Selbst die Figurengruppe der „Pietà“, die sich im Petersdom im Vatikan befindet, signierte der Künstler mit dem Wort „faciebat“, das im Lateinischen meint, „er war im Begriff zu schaffen“. Es drückt das Prozessuale aus, das fast jedem seiner Kunstwerke inhärent ist.

Hier findet sich ein Grundmotiv des künstlerischen Werks von Michelangelo, das darin besteht, niemals mit dem Endprodukt zufrieden zu sein. Das führte dazu, dass er zahlreiche Auftragsarbeiten nicht vollendete; Bredekamp spricht vom „Prinzip des non finito“, das mit Michelangelos persönlicher Disposition zu tun hatte. Er war davon überzeugt, immer wieder Werke schaffen und zusätzliche Aufträge anzunehmen und bewältigen zu können, die er niemals hätte leisten können. Er hatte, als er den Auftrag für das Piccolomini-Grabmal annahm, unterschrieben, dass er bis zu seiner Fertigstellung keinen weiteren Auftrag annehmen würde; doch gleichzeitig folgten Aufträge über die Skulptur des „David“ und über zwölf Kolossalfiguren für die Chorkapellen des Florentiner Doms.

Proteischer Eros

Das Motiv des „non finito“ hängt eng mit einer Charaktereigenschaft von Michelangelo zusammen, die Bredekamp als „proteischen Eros“ bezeichnet. Gemeint ist damit die Unfähigkeit des Künstlers, Grenzen zu setzen und vereinbarte Pläne für Kunstwerke 1:1 umzusetzen. Der „proteische Eros“ zielt auf die Phantasie, auf eine Einbildungskraft, die sich niemals beruhigen kann und die geradezu zwanghaft danach forscht und sucht, was das Gegenteil von dem ist, was im Moment gedacht und gestaltet wird. Es gibt so gut wie kein Thema, das Michelangelo in der Gestaltung nicht in sein Gegenteil verkehrt hat.

„Pietà“ in Florenz
AFP – VINCENZO PINTO
„Pietà“ in Florenz

Als Beispiel dafür erwähnt Bredekamp die in der Casa Buonarroti in Florenz befindliche sogenannte Kentaurenschlacht. „Der Kampf zwischen den Griechen und den Kentauren ist nach allen Kategorien der Kampf zwischen den Guten und den Bösen. Michelangelo macht daraus ein Schlachtgetümmel, in dem die Bösen – also die Mischwesen aus Mensch und Pferd – kaum erkennbar sind, sodass die Egalität der Kämpfer dominiert.“

“Non finito“: Topos der Moderne

Die Arbeitsweise des „non finito“ nimmt nicht nur im Werk von Michelangelo einen zentralen Stellenwert, betont Bredekamp. Sie findet sich bereits bei dem Renaissance-Künstler Donatello. Die Prozessualität des Kunstwerks, die Michelangelo meisterhaft aufzeigte, erlangte eine eigene Qualität und wurde als offenes Kunstwerk zu einem Topos der Moderne. Bildhauer der Moderne wie Auguste Rodin oder Alberto Giacometti integrierten diese Prozessualität in ihre künstlerische Tätigkeit; Michelangelo als der Propagandist der Unvollendbarkeit avancierte so zu einem Vorläufer der modernen Kunst.

„Finito“ – Fresken der Sixtinischen Kapelle

Das Nicht-Abschließen-wollen oder -können war zwar eine wesentliche Facette im Schaffen Michelangelos: Er war aber auch ein genialer Meister der Vollendung, wie die Ausmalung der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan zeigt. Das zentrale Thema war die Darstellung der Schöpfungsgeschichte, die bis zur Sintflut reicht; sie deutete der Künstler als den Prozess einer zunehmenden Dekadenz.

Ö1 Sendungshinweis

„Mein Feuer brennt noch in der Eiseskälte“. Über Michelangelo: Dimensionen, 3. August 2022, 19.05

Der Mensch wird sündenfrei von Gott geschaffen, begeht dann den Sündenfall, wird aus dem Paradies vertrieben und führt ein sündiges Leben. Als Bestrafung schickt Gott die Sintflut. Danach tritt keine moralische Läuterung ein; für Bredekamp zeigt sich, dass sich das Böse weiter im Zweikampf mit dem Guten befindet und „damit ein Motiv der Unversöhnlichkeit in diese große Deckenmalerei bringt“.

Michelangelo’s „David“ (li.) und „Hercules and Cacus“ in Florenz
AFP – VINCENZO PINTO
Michelangelo’s „David“ (li.) sowie „Herkules und Cacus“ in Florenz

Nach der Fertigstellung der Sixtinischen Kapelle arbeitete Michelangelo in den folgenden Jahrzehnten hauptsächlich als Bildhauer, vornehmlich für das Grabmal von Papst Julius II. Geplant war ein mehrstöckiges, elf Meter hohes Monument, das alle bekannten Vorbilder in den Schatten stellen sollte. Das hybride Projekt scheiterte aus verschiedenen Gründen; übrig blieb eine Minimalversion, die drei Skulpturen umfasste und erst 1545 in St. Pietro in Vincoli installiert wurde. Das Scheitern des Projekts, das großes Prestige und enorme finanzielle Einnahmen versprach, führte zu einer tiefgehenden Depression. Er sah sich von Intrigen und Missgunst umgeben, wobei er seinen Anteil an der Entstehung von Konflikten verdrängte.

„Non finito“ in der Architektur

Was den Künstler Michelangelo wesentlich ausmachte, war seine Spontaneität. Häufig revidierte er seine ursprünglichen Entwürfe und brachte damit Auftraggeber und Mitarbeiter zur Verzweiflung, wie Horst Bredekamp am Beispiel der Kuppel des Petersdoms ausführt, deren Modell er immer wieder variierte.

„Kaum war das Modell gebaut, hat er die Fenster wieder variiert. Selbst in der Architektur reagiert der Gestus der Nichtvollendbarkeit, weil jede Gestaltung Alternativen zulässt, die immer im Raum bleiben, selbst wenn ein Werk als Architektur vollendet ist und erstarren muss.“

Trotz der Schattenseiten bleibt der Mythos des „göttlichen Michelangelo“ bestehen. Das hat bereits Goethe so gesehen. Angesichts der Fresken der Sixtinischen Kapelle notierte er: „Ohne sie gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“