Platz vor Schloss Laxenburg
SLBG/Wolfgang Mastny
SLBG/Wolfgang Mastny
50 Jahre IIASA

Kalter Krieg in Laxenburg

Im Kalten Krieg von den USA und der Sowjetunion gemeinsam gegründet, zählt es heute zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen – und ist in Österreich doch wenig bekannt: das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien. Zum 50. Geburtstag des Instituts beschreibt der Historiker Oliver Rathkolb dessen ungewöhnliche Vorgeschichte in einem Gastbeitrag.

Eigentlich sollte diese in Österreich selbst in Wissenschaftskreisen kaum bekannte internationale Forschungsinstitution schon ihr 58-jähriges Jubiläum feiern, da bereits im Mai 1964 der US-Präsident Lyndon B. Johnson in einer Rede ein „Ost-West-Institut“ als vertrauensbildende Maßnahme zur Förderung Entspannungspolitik im Kalten Krieg vorgeschlagen hatte.

Oliver Rathkolb 2020
Georg Hochmuth / APA / picturedesk.com

Über den Autor

Oliver Rathkolb leitet am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „‘Expert Clearing Houses’ in Vienna as Transfer Hubs of Ideas" (Team: Petra Mayrhofer und Pavel Szobi)

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Im Hintergrund agierten wissenschaftsaffine Berater wie Walt W. Rostow und ab 1966 der Präsident der Ford Foundation McGeorge Bundy, zu der Zeit auch Nationaler Sicherheitsberater im Weißen Haus. Johnson, der dem ermordeten legendären US-Präsidenten John F. Kennedy als dessen Vizepräsident nachgefolgt war, hatte einerseits die Ausweitung des Vietnam-Krieges zu verantworten, andererseits setzte er auf geschickte Entspannungspolitik, um eine atomare Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und den USA zu verhindern. Während der Kuba-Raketenkrise hatte er hautnah im Weißen Haus miterlebt, wie die Welt an der Kippe zur wechselseitigen atomaren Auslöschung gestanden ist.

Als eine zentrale vertrauensbildende Maßnahme gab McGeorge Bundy, der ein politisches Schwergewicht bei den Demokraten war, bei dem US-amerikanischen Think Tank RAND Corporation eine Studie in Auftrag, die ein Institut der USA und der Sowjetunion entwickeln sollte, um gemeinsam jenseits aller ideologischen und geopolitischen Konflikte zu zentralen Zukunftsthemen wie Energie, Umwelt, die Zukunft der Meere und Gesundheit zu forschen.

Wegen DDR keine staatliche Vereinigung

Die amerikanische Seite fand in Moskau den idealen Ansprechpartner in der Person von Jermen Gvishiani, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Staatskomitees für Wissenschaft und Technologie. Er war nicht nur Philosoph, Soziologe und Management-Experte, sondern auch mit der Tochter des sowjetischen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin verheiratet und hatte dadurch Zugang zur obersten Nomenklatura. Nach den ersten Gesprächen wurde bald klar, dass sowohl im Westen als auch im Osten weitere Mitgliedsstaaten als Mitglieder des künftigen Think Tanks beigezogen werden sollten, wobei Großbritannien, Italien und Frankreich gemeinsam mit Polen, der DDR und Bulgarien das Verhandlungsteam zu den ersten Gesprächen in Sussex in Großbritannien bilden sollte.

Unterzeichnung der IIASA-Gründungsurkunde 1972
IIASA
Unterzeichnung der IIASA-Gründungsurkunde am 4. Oktober 1972

Dies bedeutete aber, dass das künftige Institut nicht als staatliche Vereinigung, sondern als NGO mit staatlichen Unterstützungen etabliert werden konnte, da die USA die DDR nicht als Staat anerkennen wollten. Geschickt überließen es die Amerikaner bei einem Gipfeltreffen mit der Sowjetunion in Glassboro 1967, diese Idee erstmals öffentlich zu propagieren, um im Sinne der Entspannungspolitik deren Selbstwertgefühl zu heben. Fast wären jedoch die Verhandlungen wegen der Berlinkrise im Juni 1968 und dem Einmarsch der Sowjetunion und des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei gescheitert, doch schon im November 1968 fragte plötzlich nach monatelanger Blockade Jermen Gvishiani aus heiterem Himmel nach: „Was tut sich?“

Langes Ringen um den Sitz

Nur ein halbes Jahr später, im Juni 1969, paktierten Gvishiani und McGeorge Bundy bei vertraulichen Spaziergängen in Moskau unter vier Augen das Projekt, wobei der Direktor von den Amerikanern gestellt werden, dafür die sowjetische Seite den Verwaltungsrat normieren sollte. Als Arbeitssprache wurde Englisch vereinbart. Ab dann begann bis zur Unterzeichnung der Charta für die IIASA im Oktober 1972 ein langes Ringen um den Sitz dieses Prestigeprojekts. Der Berater des britischen Premierministers Edward Heath, Sir Solly Zuckerman, votierte für London, doch nach der Ausweisung sowjetischer Diplomaten wegen Spionageverdachts scheiterte diese Initiative.

Frankreich war 1968 selbst in den Verhandlungen sehr aktiv geworden, um die Blockaden zu überwinden. Sie schlugen das Schloss Fontainebleau vor, scheiterten jedoch an zu strengen Denkmalschutzauflagen und den vorgesehenen Steuerbefreiungen künftiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Juni 1969 hatte sich die ÖVP-Alleinregierung unter Bundeskanzler Josef Klaus ins Rennen geworfen, nachdem der österreichische Botschafter in Moskau, Walter Wodak, von einem Gespräch mit Gvishiani berichtete, in dem Wien gute Chancen als Standort signalisiert wurden.

Bundespräsident Rudolf Kirchschläger mit den IIASA-Gründern McGeorge Bundy und Jermen Gvishiani (von rechts nach links)
IIASA
Bundespräsident Rudolf Kirchschläger mit den IIASA-Direktor Roger Levien (1975-1981) und Jermen Gvishiani (von rechts nach links)

Österreichs Diplomatie war übrigens im Kalten Krieg sehr erfolgreich, als es darum ging, internationale Organisationen, wie die Internationale Atomenergiebörde und den dritten Amtssitz der Vereinten Nationen nach Wien zu holen. Besonders profitiert hat davon aber die sozialistische Alleinregierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky, der das Projekt IIASA ebenso erfolgreich realisierte wie dann auch die UNO-City, selbst gegen ein von der ÖVP initiiertes Volksbegehren gegen den Bau des Konferenzzentrums bei der UNO-City. Walter Wodak, einer der wenigen sozialistischen Diplomaten im Außenministerium, der aus dem Exil in England nach Österreich zurückgekehrt war, sollte ebenso wie die Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg dieses internationale Forschungsgroßprojekt trotz anhaltender französischer Widerstände letztlich doch ins Schloss Laxenburg bringen. Die barocke Atmosphäre hatte offensichtlich vielen Entscheidungsträgern besser gefallen, als die Idee eines Neubaus im Prater oder in der Schiffamtsgasse.

Streit um Namen und Ausrichtung

Noch intensiver gerungen wurde aber über den Namen des Instituts, das ursprünglich ein „Zentrum“ werden sollte und der Erforschung von Problemen industrieller Gesellschaften diesen sollte, oder zuletzt als wissenschaftliches Institut zur „Erforschung der Probleme der Methodologie“ tituliert wurde. Dem Gründungsdirektor, Professor Howard Raiffa, der an der Harvard University die John F. Kennedy School of Government mitbegründet hatte, war für den letztgültigen Titel verantwortlich. Im Hintergrund tobte überdies noch eine Schlacht der wissenschaftlichen Eitelkeiten zwischen dem Gründer des Club of Rome, Aurelio Peccei, der globale Modellstudien durchsetzen wollte, und Sir Zuckerman, der sich dagegenstemmte. Letztlich wurde auch hier ein Kompromiss gefunden.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erstaustragung des jährlichen Young Scientists Summer Programme im Sommer 1977
IIASA
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erstaustragung des jährlichen Young Scientists Summer Programme im Sommer 1977

Seit 1973 das Institut in Laxenburg erfolgreich seine Arbeit aufgenommen hat und heute in sechs Forschungsprogrammen mit 434 Forscherinnen und Forschern aus 53 Ländern internationale Spitzenforschung auf Nobelpreisebene durchführt, hat es alle Versuche, dieses Institut doch noch zu sabotieren, überlebt. So wollte beispielsweise die Reagan-Administration durch einen Spitzelbericht die IIASA als toten Briefkasten sowjetischer Agenten demaskieren und auflösen. Selbst die nachfolgende temporäre Einstellung amerikanischer Zahlungen ab 1983 durch die National Science Foundation, die sich hier politisch instrumentalisieren ließ, und durch den Rückzug der britischen Royal Society haben aber das inzwischen gefestigte internationale Netzwerk nicht mehr verhindern können, obwohl es fünf Jahre lang in finanzielle Turbulenzen durch weitere Austritte von Mitgliedsstaaten wie Italien und Frankreich geriet.

Heute zählt die IIASA zu den weltweit führenden Forschungseinrichtungen, das auf der Basis von angewandter Systemanalyse globale und universelle Probleme wie Klimawandel, Energiesicherheit, alternde Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung in internationalen Netzwerken erforscht und konkrete Lösungsmodelle politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung stellt.