Flugaufnahme eines Flusses im brasilianischen Regenwald
AFP – FLORENCE GOISNARD
AFP – FLORENCE GOISNARD
Artenschutzkonferenz

Montreal soll Paris werden

Am Mittwoch startet in Kanada die 15. UNO-Artenschutzkonferenz. Der Austragungsort Montreal soll das Pendant zu Paris werden, und wie dort 2015 der Klimavertrag aus den Verhandlungen hervor ging, soll nun ein Rahmenabkommen dem weltweiten Artensterben Einhalt gebieten.

30 Prozent ist die magische Zahl – dieser Anteil an Flächen an Land und im Meer soll bis 2030 unter Schutz stehen und möglichst klar definierte Artenschutzziele für die Vertragsstaaten sind dafür nötig.

Letztendlich wird es aber auch bei der Artenschutzkonferenz wie bei den Klimaschutzkonferenzen um die Finanzierung dieser Vorhaben gehen. Was in einem Fall die Klimaschutzziele („Nationally Determined Contributions“, NDCs) sind, sind beim Erhalt der Biodiversität die nationalen Strategien- und Aktionspläne (NBSAP) der Vertragsstaaten, also die jeweiligen Biodiversitätsstrategien.

Österreichische Strategie noch nicht beschlossen

Auch Österreich hat auf Basis der EU-Vorgaben eine solche Strategie erstellt, der nächste Schritt ist jedoch noch ausständig. Vor einer Woche wurde die Regierung in einem Offenen Brief des Österreichische Biodiversitätsrats, der Kommission für interdisziplinäre ökologische Studien (KIÖS) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften aufgefordert, die Strategie noch vor dem Beginn der CBD-COP-15 in einem Ministerrat zu beschließen. (Die Abkürzung CBD steht für „Convention on Biological Diversity“, COP für „Conference of the Parties“).

Auf jeden Fall wird Österreich mit einer Delegation des Umweltministeriums nach Kanada reisen und Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) wie zuvor bei der UNO-Klimakonferenz in Ägypten in der zweiten Woche teilnehmen. Gewessler sieht in einem Statement gegenüber der APA keine einfachen Vorzeichen: Die EU stehe zwar für ambitionierte Ziele, die nun auch global verankert werden sollen, „aber es gibt eben auch viele Bremser – die weiterhin die rücksichtslose Ausbeutung unserer Natur vorantreiben. Und dabei zukunftsvergessen die eigene Lebensgrundlage zerstören. Das sind schwierige Voraussetzungen für eine Einigung“, lautet ihre Einschätzung.

Mögliche europäische Vorreiterrolle

Global 2000 misst die EU-Position beim Artenschutz jedoch an den rechtlichen Rahmenbedingungen, die sie für diesen setzt: Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker von Global 2000, verweist etwa auf zwei Gesetzesvorschläge zum Schutz der Biodiversität, die aktuell im Europaparlament und im Rat der Mitgliedsstaaten verhandelt werden: „Das eine sieht eine verpflichtende Reduktion der Verwendung und des Risikos von Pestiziden aus der Landwirtschaft um 50 Prozent bis 2030 vor, das andere verlangt verbindliche Ziele für die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme. Werden diese Gesetze tatsächlich ohne Verwässerungen im kommenden Jahr verabschiedet, dann darf Europa diese Vorreiterrolle für sich beanspruchen, anders nicht“, so Burtscher-Schaden gegenüber der APA.

China eigentlicher Gastgeber

In Montreal wird die EU wie bei UNO-Klimakonferenzen geschlossen auftreten, der WWF warnte bereits, dass dem „Vorreiter“ womöglich die beiden „Bremser“ Argentinien und Brasilien gegenüber stehen könnten. Allgemein wird davon ausgegangen, dass sich wie bei der COP27 in Ägypten auch in Kanada wieder die Kluft zwischen Ländern des Nordens und des Südens offenbaren und so auch erneut wieder die Finanzierungsfrage gestellt werden wird. China, als eigentlicher Gastgeber, sollte hingegen laut Meinung von WWF eher die neutrale Position einnehmen. Denn in Montreal beginnt der zweite Verhandlungsteil der CBD-COP-15, die im Oktober 2021 – vor allem online – im chinesischen Kunming ihren Anfang genommen hat und China behält auch in Kanada den Vorsitz.

Warnung vor Scheinlösungen

Greenpeace Österreich warnte vor der Konferenz vor „falschen“ Lösungen, denn Finanzierungen durch „Offsets“ könnten durch Begrifflichkeiten wie „nature-positive world“ oder „nature-based solutions“ ermöglicht werden. Die NGO bezeichnete ein derartiges Vorgehen als „Scheinlösungen“, die zumindest unwirksam, aber auch gefährlich sein könnten, da sie von echten Lösungen ablenken.

Als Beispiel für „nature-based solutions“ (auf Deutsch: naturbasierte Lösungen) nannte die NGO etwa, dass ein Kohlekraftwerksbetreiber seine Klimaneutralität dadurch erreichen könnte, indem er die in seinem Betrieb ausgestoßenen Emissionen durch Investitionen Wälder kompensiert, die in Summe dieses CO2 wieder einsparen. Das Resultat: Weiterhin kann CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen werden, auf dem Papier kann der Betreiber jedoch eine „Netto-Null“ vorweisen. Unter dem Begriff „Offsets“ würden laut der NGO solche Tauschgeschäfte im aktuellen Entwurf des Abkommens als mögliche Finanzierungsquelle zum Schutz der Artenvielfalt zu finden sein.

Aus Sicht von Greenpeace müsse jedoch echte Kompensation geleistet werden und der Globale Süden so mindestens 100 Milliarden US-Dollar für den Schutz der Artenvielfalt erhalten. Diese Länder seien bereits jetzt stärker von der Artenkrise betroffen, so die NGO und daher sollten analog zu den Klimaschäden die historisch verantwortlichen Länder des globalen Nordens den Großteil der Finanzierung tragen.