Orca-Weibchen mit ausgewachsenem Sohn, man sieht von beiden die Rückenflossen im Wasser
Center for Whale Research
Center for Whale Research
Menopause

„Wale im Wechsel“ schützen Söhne vor Aggression

Unter Walen kann es ruppig zugehen, Orcas etwa können sich gegenseitigen beißen. Schutz vor solchen Angriffen bieten laut einer neuen Studie die eigenen Mütter – allerdings nur dem männlichen Nachwuchs und auch nur dann, wenn die Mütter bereits in den Wechseljahren sind, sich also nicht mehr fortpflanzen können.

Ähnlich wie Menschen können Wale lange weiterleben, nachdem ihre reproduktive Lebensphase vorbei ist. Orca-Kühe können bis zu 90 Jahre alt werden, typischerweise kommen sie nach 40 Jahren in die Menopause. Aus Sicht der Evolutionsbiologie ist das ein Rätsel. Denn je länger das Leben, desto mehr Nachfahren könnten produziert und somit Gene weitergegeben werden. Welchen Zweck hat es also, so lange vor dem Tod mit der Fortpflanzung aufzuhören?

“Die Motivation hinter diesem Projekt war zu verstehen, wie postreproduktive Walweibchen ihrem Nachwuchs helfen“, erklärte Charli Grimes, Verhaltensforscherin der University of Exeter und Hauptautorin der neuen Studie, die soeben in der Fachzeitschrift „Current Biology“ erschienen ist.

Bissspuren als Marker für Aggressivität

Es war bereits bekannt, dass Orca-Mütter sich nach der Menopause um ihre Familien sorgen, indem sie etwa Fische fangen und mit den Angehörigen teilen. Im Zuge der Beobachtungsstudie wurde nun untersucht, wie sich die Anwesenheit einer postmenopausalen Mutter auf Bissspuren auswirkt. Solche Bissspuren sind ein Hinweis auf aggressives Verhalten unter Orcas. Da sie außer dem Menschen keine natürlichen Feinde haben, sind Narben auf Kämpfe oder wildes Spielen mit anderen Schwertwalen zurückzuführen.

Bissspuren auf der Rückenflosse eines männlichen Orcas
David Ellifrit / Center for Whale Research
Bissspuren auf der Rückenflosse eines männlichen Orcas

Grimes und ihr Team analysierten deshalb rund 7.000 Fotos von 100 Schwertwalen auf solche Bissspuren. Die Fotos kommen aus einem Langzeitprojekt des Center for Whale Research, das seit fast 50 Jahren die Population der Southern Resident Killer Whales im nordöstlichen Pazifik beobachtet. Dabei können einzelne Tiere anhand der Form ihrer Rückenflosse sowie dem charakteristischen Sattelfleck dahinter unterschieden werden.

Nur männliche Nachkommen werden geschützt

„Die männlichen Orcas, die mit ihren postmenopausalen Müttern lebten, hatten 35 Prozent weniger Bissspuren als jene ohne postmenopausale Mutter“, erklärte Grimes. „Der Schutzeffekt tritt nicht auf, wenn Männchen mit einem postmenopausalen Weibchen leben, das nicht ihre Mutter ist. Ebenso profitieren auch keine sonstigen Mitglieder der Gruppe, etwa weibliche Nachkommen oder die Enkelgeneration. „Diese postreproduktiven Mütter fokussieren ihre Hilfe ausschließlich auf ihre eigenen Söhne“, so Darren Croft, Verhaltensforscher an der University of Exeter.

Die Fachleute erklären das mit dem Umstand, dass Bullen sich mit mehreren Kühen fortpflanzen können, was ihr Potenzial vergrößert, Gene weiterzugeben. Ihren männlichen Nachwuchs vor Aggression – und Bissen – zu schützen sei für die Walkühe eine Investition in das eigene Erbgut.

Menopause bei Zahnwalen

Dass Weibchen in die Wechseljahre kommen, ist insgesamt nur von sechs Arten bekannt: dem Menschen und fünf Arten von Zahnwalen. Orcas sind soziale Tiere, die in matriarchalen Gruppen leben. Ein Verband besteht somit aus der Mutter, ihrem Nachwuchs und dem Nachwuchs der Töchter. Männliche Orcas pflanzen sich zwar mit anderen Gruppen fort, bleiben aber lebenslang in ihrer Geburtskohorte.

Durch diese Gruppendynamik steigt mit dem Alter einer Kuh die Verwandtschaft mit dem Rest der Gruppe – die immer mehr eigene Nachkommen enthält – und damit das Interesse zu helfen. Jeder Neuzuwachs führt aber auch zu mehr Wettbewerb um Ressourcen zwischen den Familienmitgliedern. Diese beiden Mechanismen fördern die Ausbildung einer Lebensphase, in der keine Fortpflanzung mehr stattfindet, aber dennoch der Rest der Gruppe unterstützt wird – der Menopause.

Orca-Weibchen mit ausgewachsenem Sohn, man sieht von beiden die Rückenflossen im Wasser
David Ellifrit / Center for Whale Research
Orca-Kühe mit ausgewachsenem Sohn

Bei Menschen versucht die Großmutter-Hypothese die Evolution der Wechseljahre zu erklären. Diesem Ansatz zufolge spielen Großmütter, die sich selbst nicht mehr fortpflanzen können, weiter eine wichtige Rolle bei der Betreuung des Nachwuchses – indem sie mehr Zeit und Energie in den Schutz der Enkel investieren. Dieselben Mechanismen könnten bei den Orcas zur Evolution der Menopause geführt haben. „Genau wie bei Menschen scheint es, dass ältere weibliche Wale eine wichtige Rolle in Gesellschaften spielen – indem sie ihr Wissen und ihre Erfahrung nutzen“, sagte Croft.

Genaue Mechanismen noch unklar

Wie genau die Orca-Mütter ihren männlichen Nachwuchs vor Angriffen und Bissen schützen, können die Fachleute (noch) nicht sagen. Postmenopausale Walmütter weisen in der Gruppe die wenigsten Wunden auf, was ein Hinweis darauf ist, dass sie sich nicht selbst in die Konflikte einmischen. Analog zu menschlichen Gesellschaften könnten sie im hohen Alter eine Art Mediatorenrolle übernehmen. „Über die Zeit könnten sie ein besseres Verständnis über andere soziale Gruppen entwickeln. Es ist auch denkbar, dass die Mutter ihren Söhnen in Konfliktsituationen signalisiert, dass sie sich nicht riskant verhalten sollen“, vermutet Grimes.

Um das zu erklären, planen die Forscherinnen und Forscher eine weitere Studie, bei der das Verhalten der Wale mit Drohnen beobachtet werden soll. Es gibt jedenfalls noch viel von dieser Population zu lernen. „Wir haben Hypothesen, aber wir müssen sehen, was unter Wasser passiert, wenn die verschiedenen Walgruppen zusammenkommen“, so Croft.