Blick auf den Wiener Bahnhof Praterstern, aufgenommen am Dienstag, 1. August 2023.
APA/EVA MANHART
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Grünes Wien

„Kosmetik“, aber keine „Grünraumgerechtigkeit“

Die Stadt Wien bekennt sich in ihren Strategien und Leitbildern zu einer gerechten Grünraumversorgung für alle Bürger und Bürgerinnen. Laut einer neuen Studie hinkt die Umsetzung aber dem Bekenntnis hinterher – vieles sei „Kosmetik“, aber keine „Grünraumgerechtigkeit“.

Lilli Lička vom Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) ist Mitautorin der heuer im Auftrag der Arbeiterkammer Wien erstellten Studie. „Die Stadt Wien ist in der PR sehr gut und in ihren Konzepten ebenso. Auch die Beamtinnen und Beamten sind gut. Aber sie bringen es politisch nicht durch“, fasst sie im Gespräch mit der APA zusammen, was auf 181 Seiten detailliert ausgeführt wird. An Bewusstsein mangle es nicht, erinnert sie an ein Plakat der SPÖ aus dem Jahr 1981, auf dem die Pflanzung von 500.000 neuen Bäumen innerhalb eines Jahres versprochen wurde: „Das Thema ist uralt – und es ist jahrelang nichts geschehen.“

Es geht vor allem um besseres Aussehen

Auch Rosemarie Stangl, Professorin am Boku-Department für Bautechnik und Naturgefahren, weist gegenüber der APA auf die Versäumnisse einer ganzen Generation hin: „Die Initiativen der Stadt Wien sind nicht schlechtzureden. Es gibt viele Projekte. Ich sehe einige von ihnen kritisch, aber jede einzelne Maßnahme ist ein wichtiger Puzzlestein, der mithilft, die Sünden und Fehler der vergangenen 30, 40 Jahre zu lindern. Doch es muss uns bewusst sein: Alles, was wir nach einer Vollversiegelung in einer Stadt wie Wien machen können, ist nur Kosmetik.“

Und wie es bei Kosmetik eben ist: Es geht vor allem um ein besseres Aussehen. Die Situation unter der Oberfläche ist eine ganz andere Sache. Bei den als Vorzeigeprojekten beworbenen Neugestaltungen am Praterstern und am Neuen Markt sei etwa die starke Unterbauung der Plätze ein Problem, so Lička. Während am Praterstern aufgrund der U-Bahn bei der Bepflanzung nicht in die Tiefe gegangen werden konnte, habe man am Neuen Markt vor der Neugestaltung der Oberfläche einen Privaten eine Garage errichten lassen: „Das wäre nicht nötig gewesen.“

Blick auf den Wiener Bahnhof Praterstern, aufgenommen am Dienstag, 1. August 2023.
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Blick auf den Wiener Bahnhof Praterstern mit Nebelduschen

“Nebelduschen sind Spielerei“

Auch einem angesichts knapper werdenden Frischwassers nötigen Regenwassermanagement fehlten oft die rechtlichen Grundlagen, weiß Stangl: „Dachwasser darf in Wien etwa nicht auf öffentlichem Grund entwässert werden.“ Stattdessen setzt die Stadt Wien lieber auf hübsche und gut vermarktbare Wasserspiele.

„Nebelduschen können ein Puzzleteil einer klimafitten Gestaltung sein, weil sie im direkten Kontakt für eine ‚erlebbare‘ Erfrischung sorgen. Nebelduschen alleine reichen aber leider nicht aus, um die Hitzebelastung untertags – die eine zunehmend größere Herausforderung wird – wirkungsvoll zu reduzieren“, meint die Meteorologin und Stadtklimatologin Isabel Auer, die eine „Wiener Stadtklimaanalyse“ erstellt hat. Lilli Lička wird noch deutlicher: „Nebelduschen sind eine Symptombekämpfung und eine Spielerei. Klimatisch verändern sie nichts.“

Es wird weiter versiegelt

Die drei Expertinnen sind sich einig: Die paar Prestigeprojekte, zu denen nun auch die Begrünung des Museumsquartiers kommt, sind schön und gut, doch die wahren Defizite auf dem Weg zur städtischen Klimafitness liegen anderswo – etwa bei der Stadtwüste Schwedenplatz, am zugepflasterten Schwarzenbergplatz oder um dem Hauptbahnhof. „Der Hauptbahnhof ist insgesamt eine Katastrophe“, meint Lička. „Rund um den Hauptbahnhof herrscht der Oberwahnsinn. Dabei wurde der in einer Zeit errichtet, in der die Problematik von Bodenversiegelung und Aufheizung längst bekannt war“, ärgert sich Stangl: „Das kann ich nicht nachvollziehen!“

Vor allem aber geht es um eine konsequente Strategie für neue Bauprojekte. „Der Rückbau geht nur Schritt für Schritt – gleichzeitig werden aber bei Neubauprojekten weiterhin riesige Flächen frisch versiegelt und wichtiger Vegetationsaltbestand erst einmal großflächig beseitigt“, so Stangl. „Viel wichtiger als aufwendig und kostspielig Bäume nach dem Schwammstadtprinzip zu pflanzen, wäre es, möglichst viele Flächen erst gar nicht zu versiegeln, sondern zu erhalten und zu regenerieren“, sagt Lička.

Die Zeit drängt – Wien bald heiß wie Skopje

Die Professorin engagiert sich in der Bürgerinitiative westbahnpark.jetzt für eine zusammenhängende Grünfläche entlang der Felberstraße. Hier habe die Stadt Wien die Chance, „ein wirkliches Statement zu setzen, dass sie sich nicht nur theoretisch und werbewirksam zur Klimaanpassung bekennt, sondern auch für die Zukunft handelt“, so Lička, die allerdings nach mehreren Beteiligungsformaten, die ergaben, „dass alle den Park wollen und niemand eine Bebauung“, den Verdacht hegt, es handle sich um „reines Particitainment, in welches Bürger und Bürgerinnen hunderte Arbeitsstunden einspeisen“.

Wie bei der künftigen Oberflächengestaltung der 2er-Linie nach dem U-Bahn-Bau übe sich die Stadt in Lippenbekenntnissen, die auch als Verzögerungs- oder Hinhaltetaktik verstanden werden könnten. „Die große Entsiegelung sehe ich nur bedingt. Man ist sehr stark hinten nach – dabei wäre allerhöchste Eisenbahn geboten“, sagt Stangl. Die Zeit drängt. Schon vor vier Jahren prognostizierte eine Studie der ETH Zürich für Wien bis 2050 Temperaturen, wie sie heute in der nordmazedonischen Stadt Skopje üblich sind.