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AFP – GUILLAUME SOUVANT
AFP – GUILLAUME SOUVANT
Hans Thirring

Wissenschaft im Wunderland

Wissenschaftler, die Telekinese oder Gedankenübertragung erforschen, taugen für spannende Serien und Romane. In den 1920er Jahren gab es aber tatsächlich eine Reihe von Wissenschaftlern, die mit dem Übersinnlichen experimentierten. Der Physiker Hans Thirring etwa interessierte sich in Wien auch für Parapsychologie – und hatte keine Angst vor Blamagen.

Wer am 2. Dezember 1952 den Sender Radio Wien der RAVAG laufen hatte, der/die bekam neben Bauernfunk und der „Russischen Stunde“ für die Frau auch einen bekannten Physikprofessor zu hören, der Seltsames berichtete. Er sprach von sogenannten Medien, von hauptsächlich jungen Männern und Frauen, oft noch Jugendlichen, die nach dem Ersten Weltkrieg aufgetaucht waren und eigenartige Fähigkeiten hatten, „also zum Beispiel die Fähigkeit der Telepathie, das Erraten von Gedanken von anderen Leuten oder auch das Erzeugen anderer eigenartige Phänomene“, und die einige Wissenschaftler in den 1920er Jahren in ihren Bann gezogen hatten.

Relativitätstheorie und Wingsuits

Der Wiener Physiker hieß Hans Thirring und er war ab 1921 Professor an der Fakultät für Physik der Universität Wien. Er war Studienkollege und Freund von Erwin Schrödinger und beschäftigte sich in seiner Arbeit mit der damals noch recht neuen Relativitätstheorie von Albert Einstein. Nach ihm benannt ist der Lense-Thirring-Effekt aus dem Jahr 1918, mit dem fast 100 Jahre später die Allgemeine Relativitätstheorie experimentell nachgeweisen werden konnte.

Ö1-Podcast

Wilma. Die unerklärlichen Kräfte eines Dienstmädchens: Ö1-Mystery-Podcast, in dem sich drei Reporterinnen aufmachen, herauszufinden, was hinter einer wahren Geschichte in den 1920er Jahren steckt.

Auf dem Gebiet der Physik hat Thirring danach kaum mehr publiziert. Dafür war er sehr vielseitig tätig. Er interessierte sich sehr für Psychologie und schrieb während des Zweiten Weltkriegs ein historisch-psychologisches Traktat über den „Homo Sapiens“. Auch eine Reihe von Patenten und Erfindungen gingen auf seine Kappe. Er war begeisterter Skifahrer, lebte eine Zeitlang in Kitzbühel und entwickelte eine Art Wingsuit, mit dem er über die Piste schweben konnte, außerdem ein frühes Tonfilmverfahren.

Der österreichische Physiker Hans Thirring beim Internationalen Kongress für Kurzwellen in der Physik, Medizin und Biologie in Wien.
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Thirring beim Internationalen Kongress für Kurzwellen in der Physik, Medizin und Biologie 1937 in Wien

Zwischen Pazifismus und Übersinnlichem

Zeit seines Lebens trat Thirring für Frieden ein und machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Atombombe stark. 1938, nach dem „Anschluss“ Österreichs, wurde er wegen seiner pazifistischen Haltung zwangspensioniert. In der Nachkriegszeit entwickelte er sich zu einem „public intellectual“, den Journalisten zu allem Möglichen befragen konnten, von Fragen der Abrüstung bis zur Mondlandung oder zu Solarzellen. Ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte er die Idee einer einseitigen Abrüstung Österreichs, den sogenannten „Thirring-Plan“.

Der Anlass für das oben erwähnte Radiointerview war das 25-jährige Jubiläum der „Österreichische Gesellschaft für Psychische Forschung“, die Hans Thirring 1927 in Wien mitgegründet hat. Auch die anderen Gründungsmitglieder waren durchaus prominent. Darunter befanden sich der Mathematiker und Mitbegründer des Wiener Kreis Hans Hahn, Gustav Schwaiger, der technische Leiter der RAVAG, also der Vorgängerorganisation des ORFund der Neurologe und Psychiater Constantin Economo, der damals eine neue und rätselhafte Krankheit erforschte („Encephalitis lethargica“), die ganz nach heutigem Post-Covid-Syndrom klang und ab den 1930er Jahren wieder verschwand.

Mit dem Verein gaben sie der Suche, die sie schon seit Jahren betrieben, einen offiziellen Anstrich. Es ging um nichts weniger als die umstrittenen sogenannten „Grenzgebiete des Seelenlebens“, die die Gesellschaft für psychische Forschung theoretisch und experimentell erforschen wollte. Vor allem interessierte sich der Verein für Telepathie und Telekinese. In der Wissenschaft, aber auch in der Gesellschaft war nach den Gräueln des Ersten Weltkriegs vieles im Umbruch und es entstand die Frage, welche unentdeckten und feinstofflichen Kräfte noch im Menschen schlummern könnten, die auch messbar gemacht werden sollten.

„Psychische Forschung“

Den Namen „Psychische Forschung“ übernahmen die Gründerinnen und Gründer aus dem Englischen. Das Vorbild war die Londoner Society for Psychical Research, 1882 gegründet, die sich des Übersinnlichen angenommen und viele Schwestervereine in Europa und in den USA inspiriert hatte. Später setzte sich im deutschsprachigen Raum das Wort Parapsychologie durch. Parapsychologinnen und Parapsychologen geht es nicht darum, neue Krankheiten zu definieren, sondern menschlichen Fähigkeiten zu untersuchen, die über das sogenannte Normale hinausgehen – Paranormales eben.

Das Paranormale war Ende des 19. Jahrhunderts in Europa purer Zeitgeist. In besseren Kreisen gab es einen richtigen Hype rund um Telepathie, Geisterbeschwörungen und andere mysteriöse Erscheinungen. Die Nobelpreisträgerin Marie Curie und der Psychoanalyse-Begründer Sigmund Freud waren bei spiritistischen Sitzungen dabei.

Der Übervater der Parapsychologie

Hans Thirring hatte in den 1920er Jahren viel Kontakt mit dem umtriebigen Münchner Arzt Baron Albert von Schrenck-Notzing, der im deutschsprachigen Raum als der bekannteste Erforscher des Übersinnlichen galt. Schrenck-Notzing hatte sich in München um die Jahrhundertwende als bekannter Hypnosearzt einen Namen gemacht. Als er als junger Arzt seine Karriere startete, war die Hypnose eine unheimliche Jahrmarktsattraktion, er machte sie in Deutschland therapietauglich. Dabei spezialisierte er sich auf ein Gebiet, über das sich zu dieser Zeit Ärzte zum erstem Mal begannen den Kopf zu zerbrechen: die Homosexualität.

Für Schrenck-Notzing war Homosexualität eine „Krankheit“, die er durch hypnotische Suggestionen heilen konnte. Danach schickt er seine Patienten zur praktischen Übung ins nächste Bordell. Als Erfolg sah er, dass einige von ihnen sogar heirateten.

Damals soll auch der Schriftsteller Thomas Mann einer von Schrenck-Notzings Patienten gewesen sein. Und er nahm als Beobachter und manueller Kontrolleur an drei Seancen mit Medien in Schrenck-Notzings Laboratorium teil. Thomas Mann berichtete darüber ausführlich in seinen „Drei Berichten über spiritistische Sitzungen“.

Protokoll einer Seance von Hans Thirring
Österreichische Zentralbibliothek für Physik, Wien
Seance-Protokoll, das Hans Thirring 1924 verfasst hat

Kritik und Spott

So richtig Mainstream war Parapsychologie selbst in den 1920er Jahren aber nie. Einige Psychiater sorgten sich sogar um die psychische Gesundheit von Medien. Es handle sich um leicht beeinflussbare labile junge Menschen, denen ihre Kräfte eingeredet wurden. Und Hans Thirring selbst erntete von seinem Freund Erwin Schrödinger in einem Brief Kritik und höflichen Spott. Er fragte ihn unter anderem, warum er sich nicht veranlasst fühle zu untersuchen, ob man wirklich auf dem Wasser wandeln oder mit Dreck und Spucke einen Blinden heilen könne, sondern ohne Versuch überzeugt sei, dass es nicht möglich ist.

Hans Thirring ließ sich von den Worten seines Freundes Schrödinger nicht beirren. Für ihn war es ein geringeres Unglück für die Wissenschaft, wenn ein paar Gelehrte eine Zeitlang von einem Schwindler gefoppt werden, als wenn sie aus bloßer Angst vor einer Blamage an einem Naturphänomen vorbeigehen, das antwortet er ihm. Wer nicht den Mut habe, sich auslachen zu lassen, schreibt Thirring, sei keine echte Forschernatur. Thirring pochte auf strenge Empirie, auf gewissenhafte Versuche, wissenschaftliche Standards und blieb dabei, dass er nichts von Vornherein ausschließen wollte.

1952 schrieb Thirring in einer Festschrift zum 25. Jubiläum der Wiener Parapsychologie, dass er weder endgültig beweisen konnte, dass es solche Kräfte gibt, noch dass er die Existenz von bisher unbekannten Naturvorgängen ausschließen kann. Bis heute ist es der Parapsychologie nicht gelungen, ihre Theorien zu beweisen. Aber sie stehen bereit, falls wieder lohnende Medien auftauchen sollten.