Aristokratische Damen in orientalischen Gewändern Fotografie von Ludwig Angerer, 1863 anlässlich des „Carrousel“, Wohltätigkeitsveranstaltung in der Winterreitschule in Wien
Ludwig Angerer 1863, ÖNB
Ludwig Angerer 1863, ÖNB
Charity anno 1863

Sich verkleiden für den guten Zweck

Schon im 19. Jahrhundert haben sich Menschen verkleidet, zumindest die, die sich das leisten konnten: Im Jahr 1863 fand in Wien eine Charity-Aktion statt, bei der sich Erzherzöge und Aristokratinnen für den guten Zweck wie im Mittelalter verkleideten. Aufnahmen der Veranstaltung sind derzeit in Form eines Fotobuchs in der Nationalbibliothek zu sehen.

Erzherzog Ludwig Viktor blickt als stolzer Ritter mit Kreuz auf der Brust in die Kamera, Fürst Lobkowitz steckt in orientalischen Pluderhosen, ausgestattet mit Turban und Säbel. Für die damalige Wohltätigkeitsveranstaltung warf sich der Hochadel in ungewöhnliche Schale und übte wochenlang, in der Verkleidung auf dem Pferd bei Quadrillen und Waffentänzen eine gute Figur zu machen.

Notlage der Weber im Fokus

Die Wohltätigkeitsveranstaltung war eine Idee der Fürstin Eleonore Schwarzenberg. Bereits zehn Jahre zuvor hatte erstmals eine ähnliche Aktion zugunsten der Armen Wiens stattgefunden. Im Jahr 1863 sammelte man gezielt Geld für die arbeitslosen Weber. Durch den amerikanischen Bürgerkrieg waren sie in eine Notlage geraten, weil der Baumwollimport ins Stocken geraten war.

Maskenball_Waldheims Illustrirte Zeitung, Illlustration von Vinzenz Katzler, 8.3.1863
ÖNB
Maskenball in Waldheims Illustrirte Zeitung

Beim „Carrousel“, dem öffentlichen Ritterspiel, ging es 1863 um Kreuzritter und Sarazene. Ein besonders beliebtes Thema bei den Habsburgern, das möglichst originalgetreu inszeniert werden sollte. Bei der aufwendigen Kostümgestaltung orientierte man sich an Schriften und Abbildungen.

Großes Spektakel

An drei Terminen fanden die Reitvorführungen in der Winterreitschule in Wien statt – vor möglichst zahlungskräftigem Publikum – in erster Linie Vertreter des österreichischen Hochadels, des Militärs und der Wiener Gesellschaft. Die Preise waren hoch, die Plätze trotzdem ausverkauft. Knapp zwei Stunden dauerte die abendliche Vorführung, sie wurde von 400 Gasflammen beleuchtet und umfasste Quadrillen, Trab- und Galopptouren sowie einen Waffentanz. Insgesamt waren 233 Personen und 170 Pferde an der Veranstaltung beteiligt, darunter auch Trompeter und Lanzenträger.

„Carrousel“, Alben mit Fotografien der Wohltätigkeitsveranstaltung März 1863 in der Winterreitschule in Wien, Ludwig Angerer
Ludwig Angerer, ÖNB
„Carrousel“, Alben mit Fotografien der Wohltätigkeitsveranstaltung März 1863 in der Winterreitschule in Wien

Die Veranstaltung war in ganz Wien ein Spektakel – die Zeitungen waren voll von Berichten über das „Who is Who“ der Teilnehmer und Teilnehmerinnen und deren Kostüme. Schaulustige drängten sich am Michaelerplatz und am Josefsplatz, um einen Blick auf die Kostümierten zu erhaschen.

Halbe Million Euro Spenden

Nach der Premiere lud Fürst Auersperg zum Prominentenabendessen, selbst das Dienstpersonal servierte in Mittelalterkostümen, die Speisen wurden in mittelalterlichem Geschirr kredenzt. Und bei einem Aufmarsch an der Hauptallee im Prater zeigten sich alle Kostümierten noch einmal in der Öffentlichkeit.

Maskenball_Fürstin Marie Kinsky und Herzog Alexander von Württemberg zu Pferd, Fotografie von Ludwig Angerer, 1863 anlässlich des „Carrousel“, Wohltätigkeitsveranstaltung in der Winterreitschule in Wien
Ludwig Angerer, ÖNB

Umgerechnet 500.000 Euro Reinerlös kamen bei der Aktion zusammen, doch die eigentlichen Kosten der Veranstaltung waren enorm hoch. Solche teure Charity-Veranstaltungen wurden erst Jahrzehnte später von der Arbeiterbewegung erstmals kritisch beleuchtet. Ob und wie der Reinerlös an die Weber verteilt wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Gut dokumentiert ist allerdings die Wohltätigkeitsveranstaltung selbst: Der Fotograf Ludwig Angerer lichtete alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen in ihren Kostümen ab. Daraus entstand ein Fotobuch, das derzeit in der Nationalbibliothek Wien im Prunksaal ausgestellt ist.