Neandertaler
Gorodenkoff – stock.adobe.com
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Gemisch

Neandertaler verwendeten “modernen" Klebstoff

Neandertaler haben für ihr Werkzeug spezielle Klebstoffe verwendet, die zwar gut haften, aber nicht zu klebrig sind. Das legen die ältesten Spuren eines derartigen Gemisches in Europa nahe. Der Gebrauch wurde bisher ausschließlich dem modernen Menschen in Afrika zugeschrieben.

Um Werkzeugteile miteinander zu verbinden, verwendete der Neandertaler schon in der Mittelsteinzeit verschiedene Naturstoffe, z. B. Pech, Harz und Birkenrinde. Zur selben Zeit hatte der moderne Mensch in Afrika weitaus komplexere Klebstoffe entwickelt, für die von Natur aus klebrige Substanzen – etwa von Steineiben – mit anderen Materialien vermischt wurden, z. B. mit Ocker, Quarz und Knochen. Artefakte von einem mittelsteinzeitlichen Fundort in Frankreich, Le Moustier, legen nun nahe, dass auch der Neandertaler schon früh die Vorteile derartiger Mischungen erkannte.

Zeichnung von Steinzeitwerkzeug (Keil) in einer Hand
Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Illustration: Daniela Greinert.
Zeichnung von Werkzeug der Neandertaler

Wie das internationale Team unter der Leitung von Patrick Schmidt von der Universität Tübingen nun im Fachmagazin „Science Advances“ berichtet, handelt es sich um keine neuen Fundstücke. Fünf im Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin gelagerte und sehr gut erhaltene Steinzeitwerkzeuge wurden neu analysiert, etwa Faustkeile und Schaber. Sie waren einzeln verpackt und seit den 1960er Jahren unberührt. Die darauf befindlichen rötlichen, gelben und schwarzen Spuren wurden von den Forschern und Forscherinnen nun genauer unter die Lupe genommen.

Optimale Klebrigkeit

Die chemischen Analysen ergaben, dass es sich um eine Mischung aus natürlichem Bitumen und Ocker – ein natürliches Erdpigment – handelt. „Wir waren sehr überrascht, dass der Ockeranteil mehr als 50 Prozent ausmachte“, erklärt Schmidt in einer Aussendung zur Studie. „Denn luftgetrocknetes Bitumen ist sehr klebrig, verliert aber diese Eigenschaft, wenn zu viel Ocker dazukommt.“

Neandertaler-Klebstoff unter dem Mikroskop
Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Foto: Ewa Dutkiewicz
Neandertaler-Klebstoff unter dem Mikroskop

Daher führten Schmidt und sein Team anschließend ausführliche Tests mit dem Material durch. Dabei stellten sie fest, dass flüssiges Bitumen – das sich eigentlich nicht als Klebstoff eignet – mit Erdpigmenten vermischt eine formbare, zähe Masse ergibt. Und dieses Gemisch war klebrig genug, um die Teile des Werkzeugs fix zu verbinden, gleichzeitig bliebe es nicht an den Händen kleben, was für die Handhabung sicher sehr praktisch war. Diese These bestätigte auch die mikroskopische Untersuchung von Verwendungsspuren.

Kognitive Leistung

Die Verwendung derartiger Klebstoffe aus mehreren Komponenten war bisher nur vom frühen modernen Menschen in Afrika bekannt. Generell sei die Entwicklung solch optimaler Mischungen und ihre Verwendung bei der Herstellung von Werkzeugen einer der besten materiellen Belege für frühe kulturelle Evolution und menschliche Fähigkeiten. „Komponentenklebstoffe gelten als frühe Ausdrucksform kognitiver Prozesse, die heute noch aktiv sind“, so Schmidt.

Die Produktion des Klebstoff war recht aufwendig und erforderte einiges an Planung, unter anderem mussten die Rohstoffe von weit entfernten Orten besorgt werden. Es spreche vieles dafür, dass Neandertaler die Mixtur selbst erfanden. Laut Schmidt zeigen die Ergebnisse, dass der frühe Homo sapiens und der Neandertaler recht ähnlich gedacht haben müssen.