Prekarisierung an den Unis nimmt zu

Ein wachsender Teil der Lehre und Forschung an den Unis wird nicht mehr durch dauerhaft beschäftigtes Personal geleistet, sondern durch prekär Beschäftigte. Zu diesem Schluss kommt der Hochschulforscher Hans Pechar in einem neuen Sammelband.

Zum akademischen Prekariat zählt Pechar Personen mit befristetem Beschäftigungsverhältnis ohne realistische Aussicht auf Entfristung. Darunter fallen vor allem drei Gruppen: Lektoren, Mitarbeiter in über Drittmittel finanzierten Projekten sowie Universitätsassistenten nach dem neuen Uni-Kollektivvertrag. Letztere hätten anders als früher keine Chance mehr auf eine Entfristung ihres Arbeitsverhältnisses durch eine erfolgreiche Habilitation, sondern müssten auf einen Wechsel auf eine Laufbahnstelle hoffen - welche wiederum zu selten angeboten werde.

Buchhinweis

Der Sammelband „Zukunft und Aufgaben der Hochschulen: Digitalisierung - Internationalisierung - Differenzierung“ ( LIT Verlag, Hrsg.: Rat für Forschung und Technologieentwicklung) wird am Mittwoch beim Forum Alpbach präsentiert.

„Derzeit betreibt eine Minderheit (ein knappes Viertel) sowohl Forschung als auch Lehre unter regulären Beschäftigungsbedingungen, während der Großteil des akademischen Personals in prekären Verhältnissen Beschäftigungen nachgeht, die es - nimmt man den Grundsatz der Einheit von Forschung und Lehre ernst - in diesem Ausmaß gar nicht geben dürfte.“

Zwei Haupttriebkräfte

Für diesen Trend ortet Pechar zwei „Haupttriebkräfte“: Zum einen wachse der finanzielle Druck auf die „expandierenden Massenhochschulsysteme“. Die Hochschulen würden darauf mit Kostenreduktionen reagieren. „Eine der wirksamsten Sparmaßnahmen ist es, teures Lehrpersonal durch billigeres zu ersetzen. Am teuersten ist in jedem Hochschulsystem die Lehre durch unbefristetes Personal, vor allem die durch Professoren. Am billigsten ist überall die Lehre durch befristete Lehrkräfte, ob sie nun Lektoren (Österreich), Lehrbeauftragte (Deutschland) oder Adjunct Professor (Nordamerika) heißen.“

Statistik

2005 waren an den Unis noch 29.100 Personen als wissenschaftliches bzw. künstlerisches Personal beschäftigt. Davon zählten rund 13.600 zum Stammpersonal, das sind 47 Prozent. 2016 waren nur noch 39 Prozent der insgesamt 39.000 Personen Stammpersonal. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die Entwicklung der Zahl der über Drittmittel finanzierten Forscher betrachtet. Seit 2005 stieg deren Zahl von 5.800 auf 9.200. Das ergibt ein Plus von knapp 60 Prozent. Selbst wenn man nur die Vollzeitäquivalente betrachtet, beträgt der Anstieg rund 27 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs zwar auch das wissenschaftliche Stammpersonal - von 13.600 auf 15.400 (Köpfe) bzw. von 11.900 auf 13.400 (Vollzeitäquivalente). Das ist aber lediglich ein Plus von jeweils rund 13 Prozent, also nur ein Viertel bzw. die Hälfte des Werts bei den Drittmittelforschern.

Zweiter „Megatrend“ ist laut Pechar der Wandel der Forschungsfinanzierung durch eine Verschiebung von über Grundmittel zu über Drittmittel finanzierter Forschung. Dies sei nicht per se negativ. „Probleme entstehen aber dann, wenn die Balance zwischen dieser Antragsforschung, die mit einer Qualifizierung von akademischem Nachwuchs Hand in Hand geht, und den aus dem Grundbudget finanziert stabilen Beschäftigungsmöglichkeiten verloren geht. Dann landet ein Teil der in Drittmittelprojekten qualifizierten Nachwuchsforscher in einer Sackgasse. Genau das ist - nicht nur in Österreich - in den letzten Jahren geschehen.“

Gleichzeitig hält der Hochschulforscher fest, dass nicht jede befristete Beschäftigung gleich prekär ist: Als Beispiel nennt er die Nebenbeschäftigung von Personen, die außerhalb der Unis etabliert sind. „Solche Fälle, bei denen das universitäre Lehrangebot durch praktische Erfahrungen ergänzt und bereichert wird, sollten das primäre Motiv für den Einsatz von Lektoren sein.“

Befristung als Dauerlösung

Natürlich hätten Hochschulen ein Interesse an einem ausreichenden Ausmaß an flexibel einsetzbarem Lehrpersonal, um Schwankungen in der Nachfrage ausgleichen zu können. „Aber die Zunahme sowohl von Lektoren wie von Drittmittelforschern sprengt deutlich jenes Maß, das sich mit solchen Argumenten legitimieren lässt. Die Hochschulen beschäftigen Lektoren nicht primär wegen ihrer Flexibilität, sondern weil sie billiger sind als unbefristetes Personal“, so Pechar.

Grafik zur Entwicklung des Uni-Personals

APA-Grafik/Martin Hirsch

Für einen wachsenden Teil der Lektoren und Drittmittelforscher sei ihr befristetes Dienstverhältnis eben keine Nebenbeschäftigung und keine Zwischenetappe, sondern ihre wichtigste Einkommensquelle und das Zentrum ihrer beruflichen Tätigkeit. „Sie streben eine akademische Laufbahn an und sind dafür vielfach bestens qualifiziert, aber wegen des Mangels an unbefristeten Stellen wird die Befristung für sie zu einer Dauerlösung.“

Eigene Lehrprofessuren als Lösung

Als Lösungsansatz sieht Pechar einerseits eine Erhöhung der öffentlichen Hochschulausgaben. Realistischerweise werde diese aber kaum so hoch ausfallen können, um mehrheitlich stabile Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen. Daher müsse man an mehreren Stellschrauben drehen: Einerseits könnten Studentenströme von den Unis auf Fachhochschulen umgeleitet werden.

Andererseits spricht sich Pechar für die Einrichtung von Lehrprofessuren aus, die unterhalb der Professur ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis mit zum Teil erhöhter Lehrverpflichtung vorsehen. Problem: „Im Ideenhimmel der den Hochschullehrerberuf prägenden Normen dominiert weiterhin der Goldstandard einer Professur, die durch die Einheit von Forschung und Lehre charakterisiert ist.“ Dabei existiere die Trennung ja de facto schon - eben durch die Postdocs in Drittmittelprojekten, die forschen, ohne zu lehren, und die Lektoren, bei denen dies umgekehrt sei - aber eben in prekären Verhältnissen.

science.ORF.at/APA

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