Wie dachte der Neandertaler?

Vor 30.000 Jahren ist der Neandertaler ausgestorben, über seine geistigen Fähigkeiten debattieren Forscher bis heute. Gravuren an Vogelknochen legen nahe: Homo neandertalensis war ein symbolisch begabtes Wesen - ähnlich wie der moderne Mensch.

Das Klischeebild vom tumben Neandertaler, der dem modernen Menschen geistig hoffnungslos unterlagen war, hat längst ausgedient. Archäologen können mittlerweile durch Dutzende Funde belegen, dass der Neandertaler bereits vor dem Kontakt mit dem modernen Menschen Feuer zu kontrollieren imstande war, Antibiotika und Schmerzmittel zu sich nahm und einen breit gefächerten Speiseplan besaß - der, je nach Angebot, von Fisch über Säugetiere und Vögel bis hin zu Pilzen, Moos und Knollen reichte. Letzteres deutet auf ökologische Anpassungsfähigkeit hin, man könnte auch sagen: auf technologische Wendigkeit.

Kulturelle Spurensuche

Was das Denken des Neandertalers betrifft, ist die Sache ein wenig schwieriger. Erstens, weil es unter Forschern keinen Konsens darüber gibt, wie er dachte. Manche sind der Ansicht, er sei uns sehr ähnlich gewesen, andere vertreten die Position, er habe eine völlig andere, uns letztlich unzugängliche Form der Kognition entwickelt. Und zweitens, weil solche Zuschreibungen ohnehin kaum widerlegbar sind. Wie kann man vom archäologischen Fundstück auf die geistige Verfassung des Besitzers schließen?

Einen Versuch in diese Richtung hat nun die serbische Anthropologin Ana Majkic unternommen: Sie und ihre Kollegen untersuchten einen gut 40.000 Jahre alten Rabenknochen, den Forscher in einem Felsvorsprung auf der Krim entdeckt hatten. Dieser gehört zum archäologischen Fundus der sogenannten Zaskalnay-Neandertaler und ist unter den Tierknochen dieses Fundortes insofern etwas Besonderes, als darauf acht regelmäßige Einkerbungen vorhanden sind.

Fossiler Rabenknochen sowie ein Knochen aus einem aktuellen Experiment
Francesco d'Errico
Links: der fossile Rabenknochen mit Kerben; rechts: Rekonstruktion im Labor

Diese Einkerbungen könnten bloß durch Zufall, als Nebenprodukt der Bearbeitung mit Steinwerkzeugen entstanden sein. Sie könnten aber auch eine Momentaufnahme des Innenlebens unseres vor 30.000 Jahren ausgestorbenen Verwandten darstellen.

Experiment: Kerben gezielt hinzugefügt

Um das zu klären, wies Majkic Freiwillige an, möglichst ähnliche Kerben in Truthahnknochen einzuritzen und analysierte die Unregelmäßigkeiten danach mit statistischen Methoden. Ihr Fazit: Sechs der acht Kerben sind vermutlich beim Abschaben von Fleisch entstanden, doch zwei hat ein Neandertaler im Nachhinein gezielt hinzugefügt, um das Muster zu vervollständigen. Vielleicht, um den Knochen mit einem rutschfesten Griff zu versehen. Wahrscheinlicher ist laut Majkic, dass es hier um mehr ging, nämlich um Dekoration mit symbolischer Bedeutung.

Makijcs Befund fügt sich gut ins Bild, das andere Anthropologen und Archäologen in den letzten Jahren gezeichnet haben. Bestattungsriten, Höhlenmalerei, die Herstellung von Ornamenten, die Verwendung von Vogelfedern als Schmuck - all das weist den Neandertaler als symbolisch begabtes Wesen aus, als einen Menschen, der nicht nur das unmittelbare Überleben im Sinn hatte.

Ob der Neandertaler ähnlich dachte wie der moderne Mensch oder doch ganz anders, wird wohl auch in Zukunft Gegenstand von Debatten bleiben. Da Europäer und Asiaten bis zu vier Prozent Neandertaler-DNA in ihrem Erbgut tragen, ist zumindest bewiesen, dass die beiden Arten im Laufe der Geschichte immer wieder sexuellen Kontakt hatten. Das lässt vermuten: Völlig fremd werden sie einander nicht gewesen sein.

Robert Czepel, science.ORF.at

Mehr zu diesem Thema: