Zukunft der Adria ist in Gefahr

Der Adria geht die Luft aus: Zu diesem Schluss kommen Forscher, die die letzten 9.000 Jahre des Meeresbeckens rekonstruiert haben. Die Eingriffe des Menschen könnten zum Ende des funktionierenden Ökosystems führen.

Ein Team, ein Forschungsschiff, eine Bohrplattform aus Österreich: die interdisziplinäre Wissenschafts-Crew war mehrere Jahre auf der Adria unterwegs und hat Proben aus dem Meeresboden in kroatischen, slowenischen und italienischen Gewässern gezogen. Es ist eine Reise in die Entwicklungsgeschichte der Adria - 9.000 Jahre zurück.

Ö1-Sendungshinweis

Über das Thema berichteten auch die Ö1-Journale, 3.7., 12:00 Uhr.

„In den ersten 3.000 Jahren sehen wir ein ständig wechselndes marines Ökosystem, weil auch der Meeresspiegel ständig im Ansteigen war. Eine funktionierende marine Fauna und Flora. Danach hat sich über viele Jahrtausende ein völlig ungestörtes Meeresleben ausgebildet, das wir heute noch haben könnten, hätte nicht der Mensch eingegriffen.“ So Martin Zuschin, Paläontologe an der Uni Wien. Die Ergebnisse der „marinen Zeitreise“ werden demnächst im „Marine Pollution Bulletin“ veröffentlicht.

Quecksilber aus dem Mittelalter

Der erste Nachweis menschlichen Einwirkens zeigt sich im 15. Jahrhundert - ein Beweis dafür, wie lange sich Einwirkungen in das sensible Ökosystem eines Meeres halten. In der slowenischen Stadt Idrija wurde vom 15. Jahrhundert an Quecksilber abgebaut.

Die zweitgrößte Mine weltweit wurde erst in den 1970er Jahren stillgelegt. Martin Zuschin: „Wir sehen in unseren Bohrkernen, dass es einen sehr starken Eintrag von Quecksilber in die Adria gegeben hat, der auch heute noch vorhanden und messbar ist.“

Mittelmeer: Paläontologen auf einem Forschungsschiff
Ivo Gallmetzer, Uni Wien
Sonne, Meer, Wissenschaft: Die Paläntologen bei der Arbeit.

Mit den letzten 500 Jahren hat sich Ivo Gallmetzer, Paläontologe an der Uni Wien befasst. Er liest aus den Bohrkernen, dass die Geschichte der Adria auch früher schon eine Geschichte der Sauerstoffkrisen gewesen ist. „Sauerstoffkrisen hat es in der Adria immer wieder gegeben, wenn es sehr heiß war. Die isolierte Beckenlage und die geringe Durchmischung des Wassers machen die Adria sehr sensibel.“ Ein Teil der Studienergebnisse wurde im April publiziert, die neue Arbeit wird demnächst im Fachblatt „Plos One“ erscheinen.

Der Mensch als größte Gefahr

Radikal hat der Mensch erst in den letzten 100 Jahren eingegriffen. Nährstoff- und Schwermetalleintrag durch die intensive Landwirtschaft und industrielle Abwässer haben immer wieder zu Sauerstoffkrisen mit großflächigen Todeszonen geführt. Den Rest erledigte die rücksichtslose Fischerei. Wo früher Muschelboden Nahrung und Schutz bot, ist heute nur noch Schlamm.

Martin Zuschin: "Diese sogenannten Hartsubstrate mit ihrer interessanten Bodenfauna sind aufgrund der Fischerei mit Schleppnetzen verschwunden. Der Mensch hat das marine Ökosystem der Adria vollkommen verändert.“ Das permanente Durchpflügen des Meeresbodens ist nur ein Mitgrund, warum der Adria immer wieder - im wahrsten Sinn des Wortes - die Luft ausgeht.

Keine Lebewesen: verwüsteter Meeresboden
Ivo Gallmetzer, Uni Wien
Die Schleppnetzfischerei hinterlässt eine Meereswüste.

Paolo Albano, Paläontologe an der Uni Wien untersucht, wann und wie fremde Arten in die Adria gekommen sind. „Dieser radikale Eingriff durch den Menschen hat weitreichende Konsequenzen, viele Faktoren potenzieren sich gegenseitig. Tiere und Pflanzen, zum Beispiel Muscheln oder Seegras, deren Aufgabe es ist, das Wasser zu filtern und zu reinigen, sind verschwunden. Das verstärkt die Krisen.“

Freie Fahrt für neue Arten

Laut Albano hat der Mensch die neuen Arten per Schifffahrt, durch Aquakulturen oder gezieltes Aussetzen ins Mittelmeer eingebracht. Am erfolgreichsten sind die „Erstankömmlinge“. Sie haben viel Zeit, Populationen aufzubauen, und kommen mit dem sauerstoffarmen Milieu besser zurecht.

Überraschendes Resultat der Studie: Viele eingeschleppte Arten sind schon bis zu dreimal so lang in der Adria wie ursprünglich gedacht. Warum das so ist, wird gerade untersucht. So will man die „Einwanderungsmechanismen“ besser verstehen lernen und kann vielleicht entgegenwirken.

Bohrkern aus der Adria
Ivo Gallmetzer, Uni Wien
Sedimentierte Umweltgeschichte: Bohrkern aus dem Mittelmeer.

Nicht immer ist es so klar wie bei der einst berühmten Ruditapes decussatus, der Kreuzmuster-Teppichmuschel, ohne die es keine Spaghetti alle vongole gab. Sie wurde komplett verdrängt von Ruditapes philippinarum, der Japanischen Teppichmuschel.

Späte Besserung

Paläontologe Zuschin meint, dass sich die Situation der Adria in den letzten Jahren zwar verbessert hat - durch Kanalisation und einer Reduktion des Gift- und Nährstoffeintrages. Die Zukunftsaussichten sind dennoch nicht gerade rosig. Denn globale Zusammenhänge lassen sich nicht steuern, sie wirken mit all ihren Konsequenzen. Es scheint, als ob die Rücksicht, die man dem krisengebeutelten Meer nun zukommen lässt, zu spät kommt.

„Die kurzfristige Verbesserung der Situation, die wir jetzt feststellen, wird wohl nicht längerfristig bestehen. Denn wenn die Meerestemperaturen – wie wir es erwarten und auch sehen – weiter steigen, wird es auch in der Adria wieder vermehrt zu Sauerstoffkrisen kommen.“ Mit weitreichenden Folgen für das ohnehin schon schwächelnde Meer.

Josef Glanz, Ö1-Wissenschaft

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