Die Hitze setzt den Gletschern zu

Die Alpen-Gletscher könnten heuer wieder einen Rekordverlust an Eismasse erleben. Der unterdurchschnittliche Schneezuwachs im Winterhalbjahr und der extrem warme Sommerbeginn lassen die Gletscher schmelzen, der Massenabbau geht voraussichtlich ungebremst weiter.

Wird es ein warmer Sommer mit durchschnittlichem Masseverlust oder erwartet uns ein weiteres Jahr mit sehr starker Eisschmelze? Das war im 1. Gletschertagebuch im Mai dieses Jahres noch offen. Jetzt im Juli weiß man schon mehr: Die mögliche Bandbreite der Massenbilanzen am Ende des Sommers können für die meisten Gletscher nur noch von negativ bis stark negativ reichen – ein weiteres Extremjahr nach 2003, 2007 und 2015 scheint möglich.

Porträt von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer
Slupetzky/Fischer

Biografien und Links der Autoren

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. im Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führen Slupetzky und Fischer seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

Bisher war die Pasterze der flächenmäßig größte Gletscher der Ostalpen bzw. in Österreich. Jedoch: Vom Nährgebiet, dem Obersten Pasterzenboden, bestehen auf der einen Seite nur mehr zwei schmale Eisverbindungen, sie tragen faktisch nichts mehr zur Ernährung der Pasterzenzunge bei; sie können jederzeit „abreißen“. Auch auf der anderen Seite wird der Zufluss zur Gletscherzunge immer geringer.

Pasterze 2017
Heinz Slupetzky
Die Pasterze ist schon bis 2.800 Meter Seehöhe schneefrei, in der Mitte der Johannisberg (3.463 Meter)

Zusammen mit der erhöhten Abschmelzung am Fuß dieses Eisbruchs und damit „Absinken“ der Eisoberfläche dürfte in naher Zukunft die „Abstützung“ verloren gehen, dadurch werden in weiterer Folge Eislawinen abgehen. Der in den 1980er Jahren bei „guten Ernährungsbedingungen“ noch geschlossene, wilde „Hufeisenbruch“ wird zu einer sichelförmigen, steilen Felsstufe. Dann ist die Pasterze nicht mehr der größte, geschlossene Gletscher Österreichs, sondern muss dieses Prädikat an den Gepatschferner in Tirol „abgeben“.

Rückblick auf den Gletscherwinter

Die Witterung im Winter fällt - was die Temperaturen betrifft - für die Gletscher nicht ins Gewicht; die Temperaturen im Gebirge liegen in jedem Fall unter dem Schmelzpunkt. Große Bedeutung hat aber der Niederschlag als Schnee, denn er ist die Einnahmenseite für die Gletscher. Der schneearme Winter war daher in dieser Hinsicht ungünstig. Je länger jedoch der Schneezuwachs ins Frühjahr hineinreichte und die Bruttorücklage damit höher war, umso besser wurden die Voraussetzungen für die kommende Abschmelzzeit. Die doch ergiebigeren Niederschläge im April und Mai haben das Defizit weitgehend, aber nicht überall kompensieren können. Besonders wenig Schnee lag südlich des Alpenhauptkammes.

Wie Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) feststellt: „Der Frühling war einer der zehn wärmsten der Messgeschichte. Die Temperaturabweichungen vom Mittel 1981 bis 2010 waren im Mai plus 0,9 Grad Celsius und im Juni plus 3,2 Grad Celsius (der zweitwärmste der Messgeschichte nach dem Jahr 2003).“ Je öfter es im Mai und Juni schneit, desto günstiger für die Gletscher, denn es bedeutet eine Verlängerung des winterlichen Schneezuwachses und gleichzeitig ein Hinausschieben der Schmelze und damit des Schneedeckenabbaus. Im Mai schneite es noch oft, so Orlik: „Am Rauriser Sonnblick gab es 18 Tage mit Schneefall, dagegen im Juni nur mehr einen mit ganztägigem Schneefall (im Vergleich zum Mittel der 30 Jahre 1981-2010 von 10,4 Tagen).“

Zu geringe Schneehöhen am Sommeranfang

Der Niederschlag war im Mai und Juni auf Österreichs Gletschern unterdurchschnittlich, wie die Niederschlagsverteilung im Mai und Juni auf den Karten der Klimatothek der ZAMG zeigen.

Langjährige Beobachtungen und Erfahrungen machen deutlich: Während in den gletschergünstigen Jahren zwischen 1960 und 1990 sommerliche „Schlechtwettereinbrüche“ Schneefällen bis oft unter 2.000 Meter brachten - und damit die Abschmelzung auf den Gletschern unterbrachen - ist nun die Schneefallgrenze immer wieder so hoch, dass sie meistens über 3.000 Meter - also i. A. über dem Gletscherniveau – liegt. Somit wird die Abschmelzzeit kaum verkürzt und nicht nur die Eisablation geht weiter, sondern auch das Abschmelzen der Altschneedecke im Nährgebiet.

Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees 2017 (Grafik)
Heinz Slupetzky
Schneehöhen am Stubacher Sonnblickkees jeweils am 1. Juli und der Trend (zehnjährig übergreifende Mittelwerte)

Aufgrund der langen Messreihe der Schneehöhe am 1. Juli am Stubacher Sonnblickkees ist die Schneelage gut dokumentiert: Heuer lag um 1,25 Meter weniger Schnee als im langjährigen Mittel. Und der Trend ist eindeutig: Seit den 1980er Jahren gibt es immer weniger Schnee auf diesem Gletscher.

Heuer rascher Abbau der Schneedecke

Die „gletscherungünstige“ Witterung setzte sich fort: Der sehr warme Juni und die Hitzewellen im bisherigen Monat Juli haben den Gletschern sehr zugesetzt. Die Ausaperung, also die Vergrößerung der Eis- und Verringerung der Altschneeflächen, ist jetzt schon weit fortgeschritten und geht schon ungewöhnlich hoch hinauf.

Stubacher Sonnblickkees von der Rudolfshütte
M. Maislinger
Das noch weitgehend von Winterschnee zugedeckte Stubacher Sonnblickkees von der Rudolfshütte aus

Beim Stubacher Sonnblickkees haben sich die Gegebenheiten grundsätzlich verändert. Der starke Massenverlust seit 1982 (gemessen im Auftrag des Hydrographischen Dienstes Salzburg) und der Verlust eines großen Teiles der Eisfläche („Gletscherzunge“) haben dazu geführt, dass der Gletscher kleiner geworden ist und er statt in 2.500 Meter Seehöhe auf 2.650 Meter endet. Die höhere Lage des nun kleinen Gletschers führte dazu, dass die Ausaperung noch gering und erst wenig aperes Eis zu sehen ist.

Was passierte auf anderen Gletschern?

Die Ausaperung ist derzeit bei allen näher beobachteten Gletschern schon sehr weit vorangeschritten, besonders südlich des Alpenhauptkammes, wo aus dem Winterhalbjahr eine unterdurchschnittliche Akkumulation gemessen wurde.

Das Venedigerkees auf der Nordseite der Hohen Tauern hatte bisher eine Ablation von etwa 1,2 Meter Eis an der Zunge. Die Eisabschmelzung ist bis auf eine Höhe von rund 2.800 Meter Seehöhe fortgeschritten. Die Schneehöhen lagen am 3.7.2017 von zwei Zentimeter ab 2.625 Meter Seehöhe bis zu 60 Zentimeter auf 2.800 Meter Seehöhe, waren also sehr gering. Die Eisverluste an der Zunge liegen rund 30 Prozent über dem Durchschnitt von 2012 bis 2016.

Schneeschacht am Stubacher Sonnblickkees
Lea Hartl, IGF
Schneeschacht am Stubacher Sonnblickkees

Am Mullwitzkees auf der Osttiroler Seite des Nationalparks Hohe Tauern ist die Ausaperung weit fortgeschritten. Im Vergleich zu den Vorjahren wurden die Ablationswerte von Anfang August bereits jetzt, also ca. drei Wochen früher, erreicht. Ein ähnliches Bild zeigt sich auf der Zunge des Gepatschferners in den Ötztaler Alpen. Dort schmolzen im untersten Bereich der Gletscherzunge (ca. 2.350 Meter Seehöhe) bereits über zwei Meter Eis ab (Messungen durch Martin Stocker-Waldhuber, IGF, Institut für Gebirgsforschung der ÖAW, Innsbruck). An der Zunge des Taschachferners wurden bis zu 1,9 Meter Ablation gemessen (17.10.2016 - 30.6.2017). In der mittlerweile achtjährigen Reihe entspricht das eher einem Wert für Mitte Juli (Kay Helfricht, IGF).

Ganz im Westen Österreichs, am Jamtalferner in der Silvretta, ist am untersten Ablationspegel Anfang Juli etwa gleich viel Eis geschmolzen wie 2015. Die ausgeaperte Fläche ist aber deutlich größer als im Extremsommer 2015. Eine Rolle dabei spielen mehrere Lawinenereignisse, die Schnee bis aufs Eis abgetragen hatten.

Düstere Aussichten

Die Alpen-Gletscher gehen heuer (wieder) einem großen Verlust an Eismasse entgegen. Die kühle Witterungsphase am vergangenen Wochenende war keine wesentliche Unterbrechung der Gletscherschmelze, sie geht mit der neuerlichen Schönwetterphase unvermindert weiter.

Stubacher Sonnblickkees
Heinz Slupetzky
Stubacher Sonnblickkees

Wie schon oft stellen die Gletscherforscherinnen und -forscher fest, dass nicht so sehr kurze, heiße Witterungsphasen (mit z. B. Temperaturmaxima deutlich über 35 Grad Celsius) den Eismassen zusetzen, sondern eine Serie mit einem Temperaturniveau von über 30 Grad Celsius bei Tag in den Niederungen und dazu warme Nächte, die in der Höhe Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt bedeuten; im Hochgebirge hat es dann in 3.000 Meter Seehöhe und darüber immer wieder Plusgrade. Oder anders veranschaulicht: Die Nullgradgrenze steigt in den Alpen bei Tag weit über 4.000 Meter, zum Teil über 5.000 Meter und liegt in den Nächten immer noch über 3.000 Meter Seehöhe.

Dank

Die Autoren bedanken sich, wie in den früheren Tagebüchern zitiert, bei allen, die zum zweiten Gletschertagebuch 2017 beigetragen haben. Im Besonderen beim Hydrographischen Landesdienst Salzburg, DI Hans Wiesenegger und dem Hydrographischen Landesdienst Tirol für Aufträge und Finanzierung; und A. Orlik von der ZAMG.

Die heurigen Arbeiten der Gletschermesserinnen und -messer zur Berechnung der Massenbilanzen haben einen Vorteil und einen Nachteil: Der Vorteil ist, dass am Ende der Abschmelzzeit nur wenige Schneeschächte (oder keine!) zur Bestimmung der Altschneerücklage in den Nährgebieten gegraben werden müssen. Dagegen ist es notwendig, da und dort die Bohrlöcher im Eis, in die die Pegelstangen zur Messung der Abschmelzung versenkt werden, tiefer zu bohren, weil die Schmelzbeträge schon jetzt ungewöhnlich hoch sind; bei der Pasterzenzunge und beim Gepatschferner können das an der Gletscherstirn jährlich weit über zehn Meter sein!

Starke Schmelze seit Jahrtausendwende

Ende August wird man abschätzen können, ob der heurige Sommer für die Gletscher ähnlich große Verluste bringen wird wie der Extremsommer 2015. Vergleicht man die ältesten, langen Serien von jährlich gemessenen Massenbilanzen bis in die 1950er Jahre, so ist festzustellen, dass Jahre mit sehr starker Schmelze seit der Jahrtausendwende gehäuft vorkommen.

Die Messung der meteorologischen Parameter wie Temperatur, Niederschlag, Strahlung usw. sind eine Standardaufgabe der Wissenschaft, um zu analysieren, wie Klima und Gletscher zusammenhängen. Aber Vergleiche zwischen Fotos aus der Gegenwart mit solchen von vor 150 oder mehr Jahren veranschaulichen für jeden die drastischen Vorgänge in nur zwei, drei Generationen.

Die Gletscherdaten werden mittlerweile von der WMO (World Meteorological Organisation) als essentielle Klimavariablen geführt und dienen dazu, die Auswirkungen des Klimawandels auf globaler Skala zu messen.

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