Wie das Schwein zum Haustier wurde

In der Jungsteinzeit zähmten Bauern die ersten Schweine und brachten sie dann als Haustiere vom Nahen Osten nach Europa. Diese Erzählung legen archäologische Befunde nahe - doch nun stoßen Genetiker auf Widersprüche: Die Geschichte kann so nicht stimmen.

Wie wurde Sus scrofa, wie das Wildschwein im Lateinischen heißt, zum Nutz- und Haustier? Die Schweine, von denen etwa in Homers Odyssee die Rede ist, helfen da nicht viel weiter. Denn die waren offensichtlich längst an den Menschen gewöhnt („Nun kamen die Schwein’ und ihre Hirten vorn Felde. Diese schlossen sie drauf in ihre Ställe zum Schlafen, und laut tönte das Schreien der eingetriebenen Schweine“) und sahen wohl bereits ganz anders aus als ihre wilden Verwandten mit ihrem Tarnkleid.

Verwildertes Hausschwein in der freien Natur
Domenico Fulgione
Verwildertes Hausschwein auf Sardinien

Der Ursprung von Sus scrofa domesticus ist noch viel älter, er reicht zurück in die Jungsteinzeit. Laut archäologischen Befunden spielte sich die Geschichte folgendermaßen ab: Den ersten Bauern gelang es vor etwa 10.500 Jahren im Nahen Osten, anatolische Wildschweine zu zähmen. 2.000 Jahre später zogen sie mit ihren Haustieren westwärts – und brachten die domestizierte Form des Schweines bis nach Europa. So, wie es etwa auch bei Ziegen und Schafen der Fall war. Bei diesen beiden Nutztieren lässt sich die Herkunft aus dem Nahen Osten genetisch belegen.

Mitochondrien geben Rätsel auf

Beim Schwein indes stieß Greger Larson, Genetiker von der Oxford University, vor ein paar Jahren auf einen seltsamen Befund. Die Mitochondrien in den Körperzellen der heute lebenden europäischen Hausschweine stammen eindeutig von europäischen Wildschweinen ab. Was auf den ersten Blick nur dadurch zu erklären ist, dass die Domestizierung des Schweines eben zwei Mal gelungen ist. Einmal im Nahen Osten und dann noch einmal – unabhängig davon - in Europa.

Um das zu überprüfen, hat Larson jetzt tausende Genproben von archäologischen Fundstellen entnommen und die DNA der Schweineknochen mit jener von heute lebenden Wild- und Hausschweinen verglichen. Seine Bilanz ist heute im Fachblatt „PNAS“ nachzulesen, sie löst den Widerspruch zwischen Archäologie und Genetik auf - und zwar so: Die Zähmung des Schweines passierte doch nur einmal. Allerdings spielte sich nach der Ankunft der ersten Bauern in Europa Bemerkenswertes ab.

Die Hausschweine paarten sich dort offenbar regelmäßig mit Wildschweinen, woraufhin das Erbe ihrer anatolischen Vorfahren schrittweise aus dem Gen-Pool gedrängt wurde. Bis es vor rund 5.000 Jahren fast völlig verschwand. Heute tragen die europäischen Hausschweine bloß noch vier Prozent dieser alten DNA in ihrem Erbgut – in etwa so viel bzw. wenig, wie der Neandertaler an Genmaterial im Erbgut der Europäer hinterlassen hat.

Gene fast komplett ausgetauscht

Dass es innerhalb von 3.000 Jahren zu einem fast kompletten Austausch der Gene kam, ist, wie Larson betont, beispiellos im Tierreich. Genfluss zwischen Haustieren und ihren wilden Verwandten wurde zwar auch bei Rindern, Hühnern oder Hunden nachgewiesen, doch bei diesen Arten haben derlei Ausflüge ins wilde Leben kaum etwas am Erbgut verändert. Die Hausschweine hingegen legten sich in Europa eine völlig neue Identität zu. Genetisch wohlgemerkt, denn dem Verhalten nach blieben sie, was sie waren: zahm und dem Menschen zugewandt.

„Die Tierhaltung in der Jungsteinzeit war natürlich mit den industriellen Schweinefarmen heutiger Zeit nicht zu vergleichen“, sagt Larson. „Die Schweine liefen frei herum und konnten sich so problemlos mit Wildschweinen paaren. Trotzdem kehrten sie immer wieder zum Menschen zurück. Weil sie gefüttert wurden – und weil sie wussten, dass es am nächsten Tag wieder Futter geben würde.“ Was die Schweine nicht wussten: Die Wohltäter hatten Ähnliches im Sinn.

Robert Czepel, science.ORF.at

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