Eine Frau hält einen Spiegel in der Hand, in der ihr Gesicht – verwirbelt – zu sehen ist
Sophia – stock.adobe.com
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Gastbeitrag

Warum Theorie nicht ich-los sein sollte

Theorie soll möglichst objektiv und ich-los sein – so zumindest der Anspruch. Den Medientheoretiker Knut Ebeling überzeugt er nicht. In einem Gastbeitrag plädiert er für eine „Autotheorie“, die das eigene Leben als selbstverständlichen Bestandteil von Theorie begreift – und beginnt gleich mit einer persönlichen Erfahrung.

Am siebzehnten Februar flattert eine Einladung des ORF ins Haus – das heißt, in die Inbox des Mailprogramms –, einen kleinen Beitrag vor einem Vortrag zu schreiben. Draußen fegt ein Wintersturm durchs Land, gerade erfahre ich, dass mein Onkel am vergangenen (Valentins-)Montag gestorben ist. Der Tod rückt näher.

Der Tod rückt näher? WTF? So etwas schreibt man nicht in einem Theorie-Beitrag. Als Theoretiker hat man sich zurückzuhalten in Sprache und Sache, man hat um der Objektivität willen hinter seinen Gegenstand zurückzutreten. Diskretion ist angesagt, Äußerungen zum eigenen Befinden stören, sie behindern die Erkenntnis: Störenfriede im sauberen Haus des Wissens.

Zwischen Nabelschau und Selbstanalyse

Genau darum geht es in der „Autotheorie“, die ein noch nicht wirklich eingeführter Begriff ist, bei dem die meisten an die KFZ-Führerscheinprüfung denken. Die kann auch vorkommen, doch geht es eigentlich um Räume des Autobiographischen in der eigentlich ichfreien (Geistes-)Wissenschaft, um die Wiedereinführung des Ich ins theoretische Schreiben.

Porträtfoto Knut Ebeling
Knut Ebeling

Über den Autor

Knut Ebeling ist Professor für Medientheorie und Ästhetik an der weißensee kunsthochschule berlin.

Es geht darum, das autobiographische Wissen nicht draußen vor der Tür der Wissenschaft zu lassen, wo es immer noch stürmt und schneit (was man immer noch nicht schreibt). Ich weiß, natürlich, dass es dafür tausend Gründe gibt und gegeben hat. Ich weiß auch, dass nicht alle von ihnen von der Hand zu weisen sind. Und will man wirklich alles autobiographische Herumgeeiere anderer Autoren und Autorinnen lesen?

„Früher hätte man das Nabelschau genannt“, sagt mein Buchhändler mir gestern, als ich ihm von meinem autotheoretischen Projekt erzähle. „Heute nennt man das Narzissmus“, antworte ich lachend. Es ist in jedem Text ein schmaler Grat zwischen nervender Nabelschau und lohnender Selbstanalyse. Immer begleiten einen die gleichen Fragen: Darf ich so schreiben? Ist es nicht unseriös, so zu schreiben? Was wird die scientific community denken? Und natürlich: Ist es nicht narzisstisch, so zu schreiben?

Sterben lässt Grenzen verschwimmen

Tatsächlich habe ich ihn schon ein paarmal bekommen, den N-Vorwurf. Es sei doch narzisstisch, so viel autobiographisches Material in theoretischen Texten zu verarbeiten, hielt man mir bei ersten Experimenten mit einem theoretischen autobiographischem Schreiben entgegen. Es gibt ein gewisses Misstrauen gegenüber autobiographischem Schreiben in der Theorie. Aber wie begründet sich Theorie? Als Gegenteil des Selbst? Als Abwesenheit vom Ich? War das Ich nicht auch immer irgendwie Teil der Theorie?

Irgendwann war es bei mir mit der Diskretion vorbei. Spätestens als meine Mutter im Sterben lag, erschien es mir absurd, ja zynisch, über irgendetwas anderes zu schreiben als über das Sterben und die Pflege – heute nennt man das Care – meiner Mutter (Leseprobe. Hinzu kam, dass ich während der Pflege diverse Bücher von Theoretikern und Theoretikerinnen las, die über den Tod und die Pflege ihrer Mütter schrieben: Roland Barthes, das Müttersöhnchen des Poststrukturalismus, über das Sterben seiner Mutter; Hélène Cixous, die Sirene der Dekonstruktion, über die Pflege der ihren: Wie sich die Szenen glichen. Wie sich alles wiederholte. In der Theorie, in der Literatur? Wo war ich eigentlich?

Die Grenzen verschwammen zunehmend, zwischen Theorie und Literatur, aber auch zwischen Leben und Tod. Aber ist nicht das Sterben genau die Überschreitung dieser Grenze? Ich beginne mit dem Schreiben eines Pflegetagebuches, in das ich sowohl die Lektüren als auch meine eigenen Notizen aufnehme. Sie kreisen um das Thema der Grenzerfahrung zwischen Wissen und Unwissen, darum, dass ich den Eindruck habe, immer weniger zu wissen, je länger ich meine Mutter pflege.

Wenn aus Analyse Auto-Analyse wird

In der Pandemie haben viele von uns die Erfahrung von Verlust und Tod machen müssen. Wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Dabei hatte ich immer wieder den Eindruck eines fast obszönen Übergewichts einer intensivmedizinischen Perspektive (Fallzahlen) über eine palliative Perspektive (Todeserfahrungen). Die Erfahrung des Sterbens oder der Sterbenden fand in der Infodemie kaum Raum. Vielleicht sollte man beide auch nicht gegeneinander ausspielen.

Vortrag

Knut Ebeling hält am 5. Mai 2022, 18:15 Uhr, an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (Erkersaal) einen Vortrag mit dem Titel „Auto-Archive. Zur Aufzeichnung des Eigenen: Über Retraumatisierungen“, organisiert in Kooperation mit dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuniversität Linz in Wien.

Zum Nichtwissen über den Grenzbereich zwischen Leben und Tod kam eine Auseinandersetzung mit der Sterbenden und mit mir selbst: Wer war meine Mutter, zu was hatte sie mich gemacht? Was hatte meine Persönlichkeit mit ihr zu tun? Während ich meine Mutter pflegte, wurden in mir lange ruhende Dinge zum Leben erweckt. Ich war aufgewühlt, träumte intensiv, schrieb intensiv. Die Beschäftigung mit meiner Mutter sprang auf mich selbst über, aus Biographie wurde Autobiographie und aus Analyse wurde Auto-Analyse. Und aus Archäologie wurde Auto-Archäologie.

Auto-Archäologie: Das unbekannte Eigene

In Wien muss man glücklicherweise niemandem mehr erklären, was die Wissenschaft der Ausgrabungen hier zu suchen hat. Schließlich wurde die Psychoanalyse als Ausgrabungswissenschaft von einem Hobby-Archäologen namens Freud erfunden. Wenn man träumt, wenn man feste Erkenntnisse aufwühlt, so können das bereits die ersten Schritte zu einer Psychoanalyse sein – die schließlich mit einer Selbstanalyse begann. Die revolutionärste Theorie des 20. Jahrhunderts ist eine Autotheorie. Sie startete nicht unter Absehung vom Selbst, sondern mit seiner Beobachtung.

Aber was sind die Methoden dieser (Selbst-)Beobachtung? Was sind die Archive des Eigenen? Wie soll man festhalten, was man träumt, und dann meist wieder vergisst, wie soll man die Theoriefetzen archivieren, die während der Pflege einer Mutter im Haus des Ich umherstieben? Wie soll ich festhalten, was ich in diesen Tagen denke, ausgrabe und erfahre – wie soll ich das Ungesagte, Ungesehene und Verborgene sammeln, das in diesen Tagen auftaucht? Genau darum geht es in der Auto-Archäologie: Nicht um das bekannte Eigene, sondern um das Unbekannte, um die Archive des Eigenen und nicht der Anderen.