Autostau in Kairo
AFP – KHALED DESOUKI
AFP – KHALED DESOUKI
Mobilität

Sammeltaxis könnten Verkehr drastisch reduzieren

Wenn Mobilität in Zukunft nachhaltig werden soll, wird das Auto eine geringere Rolle spielen müssen. Die Mobilitätsforscherin Katja Schechtner hat am Beispiel Lissabon errechnet, wie groß das Potenzial ist: Würden alle mit einer Art Sammeltaxi fahren, brauchte es nur drei Prozent der derzeitigen Fahrzeuge.

Zu Fuß gehen, mit dem Auto fahren, den Elektro-Scooter nutzen, die Bim nehmen oder sich etwas per Drohne liefern lassen: Nachhaltige, urbane Mobilität sei immer eine Mobilitätsmix, sagt die Stadtplanerin und Mobilitätsforscherin Katja Schechtner, die am Senseable City Lab des Massachusetts Institute of Technology arbeitet. „Und ich muss diesen Mix immer auf die bestimmte Stadt, in der ich mich befinde, anpassen“, so Schechtner am Rande des Europäischen Forum Alpbach. Denn Topographie und Kultur seien von Stadt zu Stadt unterschiedlich und dementsprechend auch die jeweils bevorzugten Formen der Fortbewegung.

Grundsätze nachhaltiger Stadtmobilität

Dennoch gebe es ein paar Grundsätze, was nachhaltige, urbane Mobilität betrifft. Ein solcher Grundsatz laute „shared mobility“, geteilte Mobilität. Autos sollten nicht von Einzelnen, sondern gemeinsam genutzt werden. „Entweder indem sich mehrere Personen den gleichen Wagen teilen oder indem sie sich sozusagen in ein Taxi setzen und das zu dritt oder zu viert teilen.“ Zudem müssen neue Antriebe, im Individualverkehr Elektroantriebe, genutzt werden. Und irgendwann werde auch die automatisierte Mobilität eine Rolle spielen, ist die Mobilitätsforscherin überzeugt. „Weil sie die ‚shared mobility‘ noch besser ermöglicht, indem sie Autos sozusagen von selbst anhand von Routenplanungen und Prognosen in Zirkulation hält.“

Eine Stadt mit drei Prozent der Autos „bewegen“

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen hat Schechtner für die Stadt Lissabon berechnet, welchen Effekt es hätte, wenn der motorisierte Individualverkehr eingestellt und durch „shared mobility“ ersetzt werden würde. Konkret haben sie berechnet, wie viele Autos man benötigen würde, wenn alle individuellen Autofahrten durch ein Sammeltaxi-System ersetzt würden. „Wir schaffen es mit diesem System alle Leute im Durchschnitt in einer halben Stunde zu ihrem gewünschten Ziel zu bringen und das mit nur drei Prozent der Fahrzeuge im Umlauf.“

Ö1-Sendungshinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 25.8., 13:55 Uhr.

Die Folge der geteilten Nutzung: Es bräuchte keine Parkplätze mehr in der Stadt, sondern nur ein paar Parkhäuser, in denen diejenigen Autos geparkt werden, die gerade nicht unterwegs sind. Je nach Tageszeit werden nämlich unterschiedlich viele Autos benötigt, erklärt Schechtner. So sei die Nachfrage während der Rushhours natürlich höher und liege bei rund acht Prozent. Dafür müssen Autos bereitgehalten werden. Berechnet wurde das anhand anonymisierter Mobilitätsdaten.

Das Auto hat weiterhin seinen Platz

Laut Umweltbundesamt verursacht ein Pkw mit Verbrennungsmotor pro Personenkilometer im Schnitt fast vier Mal so viel CO2 wie ein Linienbus und 17-mal so viel wie die Bahn. Angesichts dieser Zahlen wird klar, wie wichtig nachhaltige Mobilität für den Klimaschutz ist. Derzeit erforscht Schechtner für die Städte Brisbane, Lyon und Helsinki, wie Menschen schnell effizient und komfortabel an ihr Ziel kommen und dabei gleichzeitig der Autoverkehr eingeschränkt werden könnte, erzählt Katja Schechtner.

Das Auto müsse zwar nachhaltiger werden und gemeinsam genutzt werden, es werde aber auch zukünftig seinen Platz in der Stadt haben. „Man muss auch manchmal mit Chemotherapie ins AKH. Oder man hat sich mal den Meniskus gerissen oder man ist einfach mal zu müde nach der Arbeit.“ Für diese Zwecke wird das Auto weiterhin das bevorzugte Verkehrsmittel innerhalb des Mobilitätsmix sein.

Einfache Nutzung, komplexe Steuerung

Die eine Maßnahme, wie man eine Stadt nachhaltig bewegt, gebe es nicht, betont die Forscherin. Es brauche einen Maßnahmenmix. „Ich brauche ein Infrastrukturangebot. Ich brauche ein Serviceangebot. Ich muss den Leuten zeigen, wie’s geht. Und ich muss ihnen Lust drauf machen.“

Die Steuerung eines nachhaltigen Mobilitätsmix sei natürlich komplex und herausfordernd, räumt Schechtner ein. Die richtigen Angebote müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sein. Diese Komplexität sollte aber im Hintergrund bearbeitet werden. Die Nutzung für die Stadtbewohnerinnen und -bewohner muss so einfach wie möglich sein. Denn nur so können sie neue Routinen entwickeln und ihre Mobilität Schritt für Schritt verändern.