Dürre Bäume im Sonnenuntergang
AFP/ROBYN BECK
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„Klimanotfall“

Tausende Wissenschaftler schlagen erneut Alarm

Vor etwa zwei Jahren haben rund 11.000 Wissenschaftler aus 153 Ländern vor einem weltweiten „Klimanotfall“ gewarnt. Nun erneuern sie ihre Warnung. Veränderungen seien dringender als je zuvor, heißt es in der soeben veröffentlichten Erklärung. Bis heute sind fast 3.000 weitere Unterzeichner hinzugekommen.

Die Gewitter vor einer Woche, durch deren Niederschlag einige österreichische Städte überschwemmt wurden, sind nur ein Beispiel folgenreicher Wetterereignisse, die in Österreich in letzter Zeit verzeichnet wurden. „Die extremen Klimaereignisse und Muster, die wir in den vergangenen Jahren – und sogar nur in den vergangenen Wochen – beobachtet haben, unterstreichen die gestiegene Dringlichkeit, mit der wir die Klimakrise angehen müssen“, erklärt Philip Duffy vom Woodwell Climate Research Center im US-Bundesstaat Massachusetts. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam um William Ripple und Christopher Wolf von der Oregon State University verfasste er eine Erklärung, die im Fachjournal „BioScience“ erschienen ist.

Knapp 14.000 Forscher warnen vor „Klimanotfall“

Darin wird erklärt, dass zu den ursprünglich rund 11.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die schon vor knapp zwei Jahren vor einem weltweiten „Klimanotfall“ gewarnt haben, bis heute sind fast 3.000 weitere Unterzeichner hinzugekommen (Stand 27.7., 13:00). Seit der ursprünglichen Warnung im Jahr 2019 hätten zahlreiche Ereignisse wie Flutkatastrophen, Waldbrände und Hitzewellen auf der ganzen Welt deutlich gemacht, welche Konsequenzen es habe, wenn auf der Erde einfach weitergemacht werde wie bisher, heißt es im Bericht. Laut den Forschern war 2020 beispielsweise das zweitheißeste Jahr seit Beginn der globalen Aufzeichnungen.

Riesiger Erdrutsch nach Überschwemmungen in Erftstadt-Blessem im Rhein-Erft-Kreis
APA/AFP
Riesiger Erdrutsch nach Überschwemmungen in Deutschland

Auch für Koautor Thomas Newsome von der Universität Sydney sind die steigende Zahl der Desaster, die im Zusammenhang mit dem Klima stehen, und die Hitzerekorde klare Warnsignale. Außerdem erklärt er: „Besonders beunruhigend ist auch, dass drei der meistverbreiteten Treibhausgase – Kohlenstoffdioxid, Methan und Distickstoffmonoxid (Lachgas) – sowohl im Jahr 2020 als auch bereits 2021 Rekorde bei ihrer Konzentration in der Atmosphäre gebrochen haben.“

Donnerstag: „Erdüberlastungstag“

Die kurze Verschnaufpause bei der Treibhausgaskonzentration durch die Auswirkungen der CoV-Pandemie hielt also nicht lange an. Im vergangenen Jahr sorgte die Drosselung der wirtschaftlichen Nachfrage sowie Lockdown-Maßnahmen dafür, insbesondere den CO2-Ausstoß zu senken. Dadurch wurde der„Erdüberlastungstag“ gegen den Trend auf den 22. August verzögert. Der Tag gibt an, ab wann die Menschheit durch alle ihre Aktivitäten mehr Ressourcen in Anspruch nimmt, als die ökologischen Kreisläufe in einem Jahr erneuern können. Der neuerliche Anstieg der Treibhausgase und die generell wieder stärkere Belastung der ökologischen Grenzen der Erde lassen den Tag heuer wieder um drei Wochen nach vorne rücken – das heißt, er fällt bereits auf den morgigen Donnerstag.

Dringende Veränderungen notwendig

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) erklärte vor etwa einer Woche, dass die Bekämpfung des Klimawandels ohne Verzicht, dafür mit Innovation und Technologie möglich sei. Bald darauf hagelte es Kritik von Expertinnen und Experten. Laut diesen sind neben dem technologischen Fortschritt auch Lebensstiländerungen nötig, um die Klimakrise zu bremsen. Davon zeugen auch die Forderungen des internationalen Forscherteams, wie etwa eine drastische Reduktion des Methan-Ausstoßes oder eine Umstellung des Ernährungsverhaltens auf eine hauptsächlich pflanzliche Diät. Sie rufen dazu auf, möglichst bald zu handeln und vor allem drei Bereiche in Angriff zu nehmen.

Kohlekraftwerk stößt Gase aus
AFP – PATRIK STOLLARZ

Die Autoren fordern, dass ein global geltender Preis für Kohlenstoff – also für die Menge der ausgestoßenen CO2-Emissionen – eingeführt werden sollte. Dieser sollte hoch genug sein, um die Industrie und auch den Endverbraucher an naturschonenderen Alternativen zu interessieren. Außerdem sollte global an einer Reduktion und in weiterer Folge an einem Ende des Gebrauchs fossiler Treibstoffe gearbeitet werden. Als dritten wichtigen Punkt nennen die Forscherinnen und Forscher strategisch platzierte Naturreservate. „Wenn wir die Ausbeutung natürlicher Lebensräume stoppen würden, könnten wir das Risiko von mit Tieren in Verbindung stehenden Krankheitsausbrüchen reduzieren und gleichzeitig natürliche Kohlenstoffspeicher und die Artenvielfalt schützen“, so Koautor Christopher Wolf.

Globaler Klimabericht am 9. August

„Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass wir nahe an oder bereits über gewisse natürliche Grenzen gegangen sind, wie etwa bei den Warmwasser-Riffen, dem Amazonas-Regenwald oder den Eisschichten der Westantarktis oder Grönlands“, meint Koautor William Ripple. Im brasilianischen Regenwald wurden laut den Forschern im Jahr 2020 etwa 1,11 Millionen Hektar Wald abgeholzt – die größte Fläche seit zwölf Jahren. Umso wichtiger sei es, möglichst bald zu handeln.

Der Bericht des internationalen Forscherteams ist erschienen, während das International Panel on Climate Change (IPCC) die Veröffentlichung des aktuellen globalen Klimareports am 9. August vorbereitet. Darin sollen bisher getroffene Maßnahmen gegen und gewonnenes Wissen über den Klimawandel evaluiert und zukünftige Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klima thematisiert werden.